Liesel Speedy, Anfang 50, leidenschaftliche Altenpflege- und Betreuerin, aus Westdeutschland

Nachbarinnen in Notzeiten

Liebe Frau Nachbarin,

ja, so nennen wir uns, seitdem wir über 20 Jahre nebeneinander wohnen liebevoll. Wie kommt es, dass wir uns seit einem Jahr nicht mehr so angesprochen haben?

Als ihr letzten März aus dem Skiurlaub kommt, flammte gerade Corona auf wie ein Brand, der sich rasend ausbreitet, angeblich in den Schneebergen von Österreich. Mit Schrecken dachte ich: „die armen Nachbarn, die jetzt ihren Urlaub abbrechen müssen. Was passiert mit Ihnen? Müssen sie auch nun vierzehn Tage in Isolation verbringen? Quarantäne im eigenen Heim? Nun, da werde ich helfen. Wir waren doch immer füreinander da!“

Brauchte ich plötzlich ein paar Eier oder Milch? Rief ich einfach bei dir an. Aus diesem Grund flogen schon Eier über die Grundstückmauer. Ihr wart immer zur Stelle. Ob es plötzlich bei uns im Keller brannte oder unsere Gartengeräte den Dienst quittierten. Nachbars halfen gerne aus. Dafür tranken wir so manchen Cappuccino auf deiner Terrasse. Alles ganz spontan. Mir tat es gut, wenn wir in den aufregenden Jahren des Heranwachsens unserer Jungs uns gegenseitig trösten und stärken konnten.

Doch zurück zum schicksalhaften Zurückkommen aus eurem Skiurlaub. Ich rief bei dir an, wollte wissen, wie die Lage ist: „Braucht ihr meine Hilfe? Ich kaufe gerne für euch mit ein!“ Deine Antwort traf mich völlig unvorbereitet: „Wir waren nicht im Risiko-Gebiet und das weißt du ganz genau. Warum spionierst du hinter uns her? Was bezweckt du?“ Ich war so irritiert, dass mir kaum eine gescheite Antwort einfiel. „Du, sage ich, „mich treibt allein die Sorge um euch um. Wir sind doch gerade aufgefordert worden, uns gegenseitig zu helfen.“ Doch irgendwie hast du mich völlig missverstanden und alles als reine Neugierde beurteilt. „Es hat keinen Zweck,“ beschloss ich, „am besten, ich lasse dich nun erst mal in Ruhe.“

Ich war am Boden zerstört. So begann für uns der erste Lockdown in jeder Hinsicht. Distanz, wo vorher Nähe war. Kommunikationslosigkeit, wo vorher Austausch war. Hilflosigkeit, wo vorher Hilfe war. Meine Hoffnung war, dass sich die aufgebaute Spannung wieder von selbst legen würde. Doch auch über den Sommer gab es außer einen flüchtigen Gruß auf der Straße keine Begegnung. Ich wüsste so gerne, was du in der Zwischenzeit von mir denkst. Wie siehst du unsere Nachbarschaftsbeziehung?

Für mich war schnell klar, ich brauche gute Beziehungen und finde sie reichlich. Mein Mann und ich schwören uns, unser Haus wird immer offen sein für Menschen, egal unter welchen Umständen. Oft stehe ich hinter meinem Küchenfenster, rühre in einer Schüssel Waffelteig für unsere Gäste. Mein Blick ist auf dein Wohnzimmerfenster gerichtet. Wie geht es dir eigentlich? Was machen deine Gelenke? Es hat mir auch gutgetan, morgens zu dir zu kommen, um dir beim Kämen zu helfen. Gerade wenn du wieder mal mit einem Arm wegen einer operierten Schulter in einer Bandage steckst. Jetzt konnte ich helfen. Dafür sind Nachbarn doch da.

Und nun? Stille. Kein Rufen von drüben. Keine Reaktion. Warum brauchen wir uns gegenseitig nicht mehr?

Der Herbst kommt. Die Tage werden dunkler, der zweite Lockdown breitet sich in unser Leben aus. Noch mehr Stille.

Doch ich frage mich: „Was denkst du von uns und unserem hell erleuchtenden Haus? Kann ich dir vertrauen? Oder missfällt dir meine offene Haustüre?“ Das Misstrauen ist größer geworden und auch wir und unsere Gäste werden leiser. Wir öffnen lieber unsere Kellertüre. Wir fühlen uns beobachtet von dir. Stimmt das eigentlich? Oder liege ich falsch in meinem Misstrauen? Deine Antwort kommt, sie ist weithin hörbar über unserer dunklen Straße: „Ich weiß genau, was ihr treibt nebenan. Ich beobachte schon seit Wochen, wer und wie viele hier ein und ausgehen. Und ihr wollt Vorbilder sein?“ So kreischst du abends spät aus deinem Haus unsere Gäste an. Deine Worte treffen mich in mein Innerstes. Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes betroffen.

Mein Mann und ich laden euch auf einen Kaffee ein. Konnten wir nicht 20 Jahre lang alles bei einer dampfenden Tasse besprechen? Warum lehnst du diese vertraute Möglichkeit nun ab? Ich würde gerne mit offenem Herzen dir zuhören. Was hat dich bewegt seit jenem schicksalhaften Skiurlaub-Ende? Warum können wir seitdem nicht mehr miteinander reden?

Gestern hast du das erste Mal seitdem wieder neben mir in deinem Auto angehalten. Du fragst mich, ob ich mich am Hundegebell der Nachbarn störe. Die habe ich noch gar nicht wahrgenommen. Wie um ihre Existenz zu beweisen, lassen sie ihr Geheul bis zu uns übertönen. Du fragst, ob wir uns zusammenschließen können gegen den Nachbarn und seine Hunde? Irgendwie ist mir gar nicht danach.

Zum Zusammenschließen schon. Aber warum dann gegen einen anderen Nachbarn? Ist es nicht an der Zeit, dass wir wieder neu lernen, füreinander da zu sein, zwischen unseren Türen und Fenstern? Freundliche Worte austauschen? Vielleicht ist eine Frage an mich doch ein winzig kleiner Anfang. Wie wäre es, wenn wir gemeinsam überlegen, was wir unseren Nachbarn und seinen offensichtlich gestressten Hunden Gutes tun können? Wollen wir uns erinnern, wie wir eigentlich Nachbarschaftshilfe gelebt haben?

In freundschaftlicher Liebe grüßt Dich
Deine Frau Nachbarin

Ps.: Eier werfen geht bald wieder, Ostern kommt!