Astarte, 68, gehbehindert, wohne mit Mann und drei Kindern im eigenen Haus mit Garten rundherum. Bin trotzdem meistens alleine und raffe mich kaum auf, das Haus zu verlassen

Ja, auch ich könnte an Corona sterben…

…und das wäre für mich im Moment bei Gott nicht das Schlimmste, was mir passieren könnte. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es „danach“ auf andere Art weitergeht, und wenn ich den Leuten zuhöre, die eine Nahtoderfahrung hatten, was ich oft tue, dann kann ich doch auf viel Schönes hoffen.

Genau genommen hatte ich selber so etwas wie eine homöopathische Nahtoderfahrung, während derer ich definitiv nicht tot war; ein Außer-Mir-Sein, in dem alle Probleme, denen ich mich gerade nicht mehr gewachsen fühlte, von mir abfielen, als wären sie nie dagewesen; in dem ich mich kompromisslos geliebt fühlte; nach dem ich mich immer wieder zurücksehne; das den Gedanken „Niemand hat mich lieb“ schon gar nicht aufkommen lässt. Diese Erfahrung hat mich in meinem Leben noch immer getragen. Sie kommt in kleinen Dosen immer wieder zu mir zurück, wenn mich plötzlich aus dem Nichts ein grenzenloses Glücksgefühl überfällt, höchstens für eine Minute lang, aber immerhin.

Nein, im Moment habe ich nicht Corona, aber indirekt doch. Ich verlasse kaum noch das Haus, weil mich da draußen nichts mehr ruft, weil mich meine Füße ohnehin nur mehr sehr mühsam tragen, weil ich rot sehe, wenn ich von maskierten Menschen umgeben bin. Ich hatte schon immer Hemmungen zu telefonieren, außer wenn es um schnelle Abmachungen geht; ich möchte Menschen lieber persönlich treffen. Nein, ich rufe niemanden an und niemand ruft mich an und die wenigen Male, in denen ich aus meinem Muster ausgebrochen bin, waren auch nicht gerade befriedigend.

Nebenbei habe ich entschieden größere Probleme als die Corona: eine Tochter, die latent manisch ist und einen Mann, mit dem ich gar nicht mehr klarkomme. Früher hätte ich mich einmal im Monat für ein Wochenende in „mein“ Bildungshaus zu einem Seminar geflüchtet, hätte dreimal in der Woche irgendeine Abendveranstaltung besucht, eine Schreibgruppe, eine Lesung, ein Theater. Jetzt sitze ich weitgehend alleine zu Hause, starre auf den PC-Bildschirm, weine und warte auf bessere Zeiten. Das zweite Gesicht von Corona, eines, das in der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert wird.

Ich weiß gar nicht, was passieren würde, wenn tatsächlich das bewusste Virus zu Besuch käme. Irgendwie bin ich eingeschnappt, trotzig, gar nicht mehr fähig, irgendeine Art von Hilfe in Anspruch zu nehmen. Meine Grundhaltung heißt: Alles über mich ergehen lassen und warten, was passiert. Und plötzlich überfällt es mich wieder, dieses unmotivierte, unglaubliche Glücksgefühl und die Überzeugung: Es wird schon werden, irgendwie, und sei es, dass ich sterbe.