Astarte, 68, gehbehindert, wohne mit Mann und drei Kindern im eigenen Haus mit Garten rundherum. Bin trotzdem meistens alleine und raffe mich kaum auf, das Haus zu verlassen

Bist Du noch lebendig oder bist Du schon halb tot?

– eine Frage, die ich mir in letzter Zeit oft stelle.

„In letzter Zeit“, das hat schon vor Corona angefangen. Mein von jeher ohnehin kaum vorhandener Bewegungsdrang hat sich noch mehr verzogen, seit meine Knie nicht mehr so recht wollen. Ich musste mich immer wieder aufraffen, das Haus zu verlassen, und das habe ich auch getan: Ich HABE mich aufgerafft, bis Corona kam. Jetzt raffe ich mich bestenfalls auf, mein Bett und somit den Platz neben dem Laptop zu verlassen, um ein bisschen aufzuräumen oder was zum Essen zu richten. Zum Glück habe ich einen Garten, und wenn es erst richtig Frühling wird, werde ich einsehen, dass ich mich um ihn, so gut ich kann, kümmern muss.

Bist Du noch lebendig oder bist Du schon halb tot?

Ich muss gestehen, in Gedanken bin ich oft mehr drüben als im realen Leben. Ich habe mir in letzter Zeit Unmengen von YouTube-Beiträgen über Nahtoderlebnisse und Nachtodkontakte angeschaut und außerdem mehrere Bücher zu diesem Thema gelesen. Der Tod schreckt mich nicht mehr so richtig. Ja, wenn’s drum und dran kommt, dann will mein Körper einfach noch nicht und ich muss mir die Frage stellen, was ich hier noch soll. Zum Beispiel schreiben und das Geschriebene mit anderen teilen. Im Moment würde ich liebend gerne Vorträge über Nahtoderlebnisse halten, um anderen möglicherweise die panische Angst vor dem Tod zu nehmen, aber wo kann man denn heutzutage noch einen Vortrag halten?

Bist Du noch lebendig oder bist Du schon halb tot?

Anke Evertz beeindruckt mich ganz besonders. Sie hat gebrannt wie eine Fackel und lag dann eine ganze Weile im künstlichen Koma im Krankenhaus. Sie war in dieser Zeit mehr drüben als herüben und wie die meisten Nahtoten hatte sie absolut kein Interesse, wieder in ihren Körper zurückzukehren. Ihr „Lehrer“, wie sie ihren jenseitigen Begleiter nennt, legte ihr trotzdem nahe, es zu tun. Es ist spannend, ihr zuzuhören, wie sie es geschafft hat, so richtig Freude am Leben zu gewinnen, das Leben so richtig auszukosten. Vor dem Unfall hatte sie oft mit dem Gedanken gespielt, sich selbst das Leben zu nehmen. Ich versuche, mir ein Beispiel an ihr zu nehmen, auf kleine Freuden zu achten und auch aversive Gefühle wie Angst, Wut und Verzweiflung anzunehmen und bewusst auszukosten. Das hat was.