oder Vom Leben mit dem Sterben in Zeiten von Corona
Sie ziert seit knapp zehn Monaten mein Handgelenk. Ein Erbstück, sage ich, wenn mich jemand fragt.
Wir waren auf dem Dachboden gewesen. Mein Vater hatte ihn ausgebaut. Ein großes Zimmer mit einem großen Gästebett in der Ecke, einer alten Couch als Sitzgelegenheit mit Stofftieren, vielen Kissen, Puppen. Rechts von der Tür ein riesiger Tisch, darüber ein ebenso großes Regal. Gefühlt in allen Fächern, sind alle freien Flächen mit Kisten, Kästen, Kartons und Kartönchen vollgestellt. Und dann hatte er noch eine Kammer eingebaut, die gefüllt ist mit Bastelmaterial, Büchern, alten Spielen bis oben hin. Es ist so voll, dass man kaum treten kann. Die Sachen sind zum Teil 50 Jahre alt, manche sicher noch älter.
Eigentlich hatte der große Tisch einmal der Schreibtisch sein sollen, hier wollte er die Papiere sortieren. Aber dann hatte er doch das kleine Zimmer in der Etage darunter als Arbeitszimmer eingerichtet. Wir werden ja schließlich auch nicht jünger, hatte er gemeint. Zum Dachboden führt nur eine schmale Raumspartreppe, nicht bequem zu gehen, die bei jedem Schritt knarzt.
Das hatte er immer mal alles aufräumen wollen, sagt meine Mutter, jetzt muss ich das mit Konrad (das ist der Mann meiner Tante) machen. Und dann zeigt sie mir, dass man die Wände unter den Dachschrägen aufmachen kann. Noch mehr Stauraum, noch mehr Zeug. Mir wird bei dem Anblick ganz schwindelig.
Ich hatte ihr angeboten, mit zu räumen, die Sachen zu sortieren, aber ich merke, das ist mir alles zuviel. Und für sie ist es noch viel zu früh. Ich bin froh darüber. Wir nehmen einiges in die Hand, drehen es halbherzig hin und her. Vieles kann sicher weg, doch mag sie das derzeit noch gar nicht entscheiden. Also legen wir es genau so wieder zurück. Die Verkleidung unter den Dachschrägen wieder zuzubekommen, ist erstaunlich schwer.
Wenn du was gebrauchen kannst, dann sag Bescheid, hatte meine Mutter gesagt. Ich schaue mich um. Was von all dem kann ich gebrauchen? Will ich etwas von hier? Ein altes Federetui von mir hatte ich in der Hand, Made in China, eine schmale rechteckige Plastekiste in Rosa mit Elefanten und Magnet. Es sieht aus, wie aus einem anderen Leben. Fast vierzig Jahre ist es her. Irgendwie berührend, dass sie dies und so vieles andere von mir aufgehoben haben. Aber jetzt, gerade hier passt es nicht zu mir.
Eine Uhr, sage ich plötzlich. Es purzelt eher aus mir heraus. Das ist wirklich etwas, was mir fehlt. Ich muss immer das Handy rauskramen, um nach der Zeit zu schauen. Das nervt. Eine Uhr könnte ich wirklich gut gebrauchen.
Meine Mutter schließt kurz die Augen und geht dann zu diesem Riesenregal mit den Kisten und Kästchen, den vielen Büchern übers Auto reparieren, Trabi, Wartburg, Skoda… Reiseführer, PC Programme für Anfänger erklärt, verschiedene Ausgaben verschiedener Enzyklopädien im munteren deutsch-deutschen Ost-West-Mix und greift zielsicher in ein Fach ganz rechts, ungefähr auf Augenhöhe. Also ich hätte die Uhr da nicht gesehen. Und ich bin ganz fasziniert, dass sie genau zu wissen scheint, wo alles liegt.
Hier, sagt sie und hält sie mir hin, ich fand die schön an ihm. Die hatte ihm mal sein Chef geschenkt, er hat sie gern getragen, doch irgendwann ging sie nicht mehr, wahrscheinlich braucht sie nur eine neue Batterie.
Ich schaue auf die Uhr und bin hin und weg. Sie ist perfekt. Kein klobiges Altherrenstück, schön schlank und flach im Design. Graues Gehäuse, schwarzes Zifferblatt, silberne Punkte statt Zahlen. Die Zeiger, die still stehen, silbern und zart, ein schwarzes Lederarmband. Ihr Clou, damit sie auf keinen Fall langweilig wirkt: Das kleine Mercedes-Zeichen unter dem Punkt, der die Zwölf ist, vermittelt ganz unaufdringlich diesen Effekt von schlicht, der teuer schreit und alles zusammen zeitlose Eleganz. Meine Tochter wird später sagen, die hätte sie auch genommen.
Und dann fühlt es sich plötzlich sehr seltsam an. Ich freue mich wirklich über die Uhr. Doch so als Erbstück wollte ich sie nicht. Wir stehen hier auf dem Dachboden, weil es den eigentlichen Besitzer der Uhr nicht mehr gibt. Mein Vater kehrte nicht aus dem Krankenhaus zurück.
Im Februar 2020 ging es ihm so schlecht, dass er nicht mit zur Beerdigung meiner Tante kommen konnte. Im Mai 2020 gibt es solche Beerdigungen und Trauerfeiern nicht mehr.
Was dazwischen passiert ist? Der vermeintliche Hexenschuss war ein wieder aufgetretenes Lymphom. Nicht schön, schmerzhaft, aber laut ärztlicher Angaben so rechtzeitig entdeckt, dass es heilbar ist. Die erste Chemotherapie Ende Februar hatte mein Vater gut überstanden und war auch wieder zuhaus. Die zweite Mitte März, da ging es ihm gut. Da hatten wir dann schon Corona. Langsam machte alles die Schotten dicht. Besuche im Krankenkaus wurden erst eingeschränkt, dann wurden die Besuche verboten.
Zur Nachbehandlung Ende März, alle Medikamente und Therapien hatten gut angeschlagen, die Werte sahen nach Heilung aus, konnten Wechselsachen nur noch an der Pforte abgegeben werden. Mein Vater lag isoliert auf Station und gab sich den Umständen entsprechend, wie er immer sagte, positiv. Das Wetter nicht so wichtig, heute war ihm ganz tüdelig, aber er hofft, dass es morgen wieder besser geht. Ich denke positiv, sagte er. Verbindung gab es per WhatsApp und Telefon. Wir hielten sie, so gut es ging und es uns möglich war. Unser Verhältnis war ja nicht unbelastet. Ich nenne es mal familiär-biografische Dissonanzen. Die im Angesicht der Krankheit und dem Irrsinn von Corona dann doch irgendwie unerheblich wurden.
Ich merkte die Tage, an denen es ihm schlechter ging, schlechter als er sagte. Und dann kamen die Tage, da gab es plötzlich keine Nachrichten mehr von ihm. Die kamen dann von meiner Mutter. Er liegt auf der Intensivstation. Lungenentzündung. Sie darf nicht rein. Und als nächstes: er liegt im Koma.
Meine Mutter muss viel telefonieren. Irgendwann ist er nicht mehr auf der Station und auch nicht mehr in dem Krankenhaus, in dem er bisher war. Es dauert eine Weile, bis sie ihren Mann, meinen Vater wiederfindet. Er liegt inzwischen auf einer extra eingerichteten Covid-Station in einem Ort 30 Kilometer weiter und muss beatmet werden. Sie fragt, wie kann das sein? Er hat doch isoliert gelegen, wie kam das da rein?
Ich halte die Vorstellung, dass er da allein liegt, kaum aus. Das Krankenhaus hat eine Seelsorgerin. Ich hinterlasse abends eine Nachricht bei ihr. Sie ruft mich am nächsten Morgen zurück. Sie hat schon in die Akten gesehen. Er ist hier, sagt sie. Aber auch sie darf nicht zu ihm. Sie hat in der Kapelle Kerzen angezündet. Für meinen Vater. Meine Mutter. Die Familie. Für mich. Ich fange am Telefon an zu weinen. Sie sagt, er ist nicht allein. Das Personal ist liebevoll zu ihm. Sie sprechen mit ihm. Sie behandeln ihn nicht wie eine Maschine. Es wird wieder gut. Sie schafft es, mich zu beruhigen, Zuversicht zu vermitteln. Ich gebe die Nachricht weiter, habe einen entspannten Tag. Bis sich meine Mutter am Nachmittag meldet, dass sie die Maschinen abstellen wollen. Sie muss gleich nochmal telefonieren. Und dann geht alles ganz schnell, muss ich mein Fahrrad schieben, weil ich merke, dass ich so nicht mehr fahren kann.
Es gab keinen Abschied, kein Begreifen, nur eine Nachricht: Er kommt nicht mehr heim.
Eine Woche später gibt es die ersten Lockerungen. Meine Mutter wird vom Krankenhaus angerufen, sie soll kommen und seine Sachen abholen. Es wirkt zynisch angesichts dessen, dass sie in seinen letzten Momente nicht bei ihm sein durfte. Die Freigabe dauert. Für eine Aufklärung zum Nutzen der Öffentlichkeit hatte meine Mutter einer Obduktion zugestimmt. Der Krebs war verschwunden. Er ist an Corona gestorben.
Meine Tochter und ich fahren knapp vier Wochen später zu ihr. Es gibt noch mehr Lockerungen, in den Restaurants Meldezettel, auf dem Friedhof ein anonymes Grab. Das wollte er so. Es ist bedrückend. Das Haus wirkt seltsam leer, als warte es auf ihn. Meine Mutter wartet. Auch wir. Begreifen können wir es an diesem Tag nicht. Stünden wir ohne Corona jetzt auch so hier? Wie wäre es ohne Kontaktbeschränkungen, ohne Lockdown gewesen, wäre er dann noch hier? Wären wir bei ihm gewesen? Es gibt noch so viel mehr Fragen und keine Antworten, die wirklich etwas erklären, die die Fassungslosigkeit ein wenig mildern können, die Sprachlosigkeit im Angesicht der Pandemie.
Wieviel von der Geschichte, von den Umständen, von dieser verrückten Zeit trage ich da am Handgelenk mit mir rum? Ich weiß es nicht.
Wenn es für dich so in Ordnung ist, sage ich zu ihr, nehme ich die Uhr gern.