Marje B., 56 Jahre alt, Rentnerin, 2 erwachsene Söhne, verwitwet und lebt in einer Kleinstadt in Ostfriesland

Trotz Corona geht es mir in meinem Körper rundum gut

Die ersten Stellen, die sich gleichzeitig nach dieser Behauptung melden, sind beidseits meine Oberarme. Sie fühlen sich schwer und schmerzhaft an, lassen sich nicht entspannen. Ich versuche, sie wechselseitig sanft zu massieren, aber dann melden sich meine Hände. Sie würden gern meine Oberarme massieren, aber können grad nicht, denn auch sie sind schmerzhaft und kraftlos. Zur gleichen Zeit meldet sich mein Rücken. Der Gleitwirbel, den ich schon seit 2 Jahren habe, hat eine Bandscheibe herausgedrückt, die mir Schmerzen und Taubheit im Bein beschert. Also von wegen, mir geht es in meinem Körper rundum gut!!!! Schon lange nicht und jetzt erst recht nicht!!!!

„Hej,“ sagt da mein Körper, „Du verlangst sehr viel von mir. Und grad jetzt. Und schon seit Jahrzehnten. Alles mögliche soll ich machen, auch viel Sinnloses. Da wollen halt Arme und Hände grad nicht mehr. Und alles mögliche musste ich tragen, das will ich im Rücken nicht mehr.Und die Entspannungsübungen und Meditationen sind ja nett. Aber nur, damit ich hinterher wieder funktioniere und leistungsfähig bin? Nein, nun nicht mehr. Der tägliche Spaziergang ist gut und hilft mir, widerstandsfähig gegen Corona zu sein. Aber der Rest….nicht täglich!!!!“

O.k., klare Ansage, lieber Körper. Und nun? Ich versuche ja, eine gute Balance zu finden, aber weiß oft nicht, was wirklich gut tut. Die Schmerzen durch die Fibromyalgie reichen oft, einfach nur platt zu liegen. Aber es wird dann auch nicht besser.

„Nein!“ schreit mein Körper. „Du sollst mich einfach mal so hinnehmen, wie ich bin. Du sorgst mittlerweile fast immer sehr gut für mich, aber wenn ich dir diese extremen Schmerzen bereite, dann nimm es einfach hin! Es hat einen Sinn, der dann irgendwann sichtbar wird. Was hast du schon alles erfahren dürfen, in den Zeiten von Schmerz und Starre? Und diene ich dir immer wieder und bin noch für dich da? Bis zu deinem Lebensende, wann auch immer das sein wird.“

Oh ja, mein Körper. Du bist sehr weise….Über Jahrzehnte habe ich gelernt, Menschen mit Handicaps zu akzeptieren, wertzuschätzen. Aufgewachsen zwischen lauter Kriegsversehrten. Jedem Mann fehlten irgendwelche Körperteile, auch manchen Frauen. In der Schule viele MitschülerInnen, die contagangeschädigt waren. Vielleicht ist das jetzt der Test, ob ich mich selbst so auch akzeptieren und wertzuschätzen kann. Allein…oft einsam…in dieser Pandemiezeit. Mit Schmerzen, die mich oft verzweifeln lassen. Verzweifeln? Nein…ZWEIFELN…Zweifeln, ob das Leben, wie es heute oft abläuft, richtig ist. Und wenn diese Zweifel mir dann Missstände zeigen, muss ich sie benennen und, wenn ich kann, etwas ändern.

Durch meine Rente habe ich die einmalige Chance, mir meine Lebenszeit einzuteilen. Durch meine Kraft, auch wenn sie nicht immer da ist, kann ich etwas bewegen. Und wenn mein Körper streikt und schmerzt, darf ich nur dafür sorgen, dass es mir und meinem Körper gut geht.

Wenn im Außen alles so instabil und unsicher ist, will ich in mir stabiler und sicherer werden. Und damit vielleicht auch mein Körper. Jetzt, grad jetzt, wo in diesem Kurs, in dieser Zeit, so viel von meinem Kopf in mein Herz kommt.