Elisabeth, 54 Jahre, im Pflegebereich tätig, wohnt in einer österreichischen Hauptstadt

Magenrebellion

Die erste Stelle in meinem Körper, die sich meldet, wenn ich diesen Satz sage, ist…: mein Magen oder ein Gefühl in der Gegend unter meinem Brustkorb, das gegen die obere Bauchwand pumpert und protestiert: „Du hast auf mich vergessen!“, vernehme ich eine Stimme, die meinem Innen-Reich entspringt und wahrgenommen werden will. „Ja, ich weiß, viel zu oft versuche ich Verwirrtheiten weg zu atmen, zu ignorieren. Aber du bist ausdauernd – gibst nicht auf, meldest dich regelmäßig, forderst Aufmerksamkeit ein, die ich dir zu oft verweigere. Du tust dies normalerweise im Hintergrund still und leise, bleibst mir wohlgesonnen, nimmst Rücksicht, willst einfach mit dabei sein, gut funktionieren. Manches Mal zuckst du jedoch aus.“

„He! Halt an, presch nicht ständig nach vor!“

„Nun“, frage ich, „was erwartest du von mir?“ Nach einigem Zögern ruft er lautstark: „Zuwendung! Unter die Kategorie VerdauungsAPPARAT zu fallen, da werde ich echt wütend, bin doch keine Maschine, schon gar kein Apparat – Anonymität pur – seine Bestandteile austauschbar. Schenke mir ganz einfach immer wieder den einen oder anderen Wie geht´s-Gedanken.“

„Dies will ich dir fortan geben. Ja, du hast Recht, manches Mal gehst du unter wie in einem Gefühlsstau. Dieser Virus macht die Situation auch nicht besser. Da kommt einiges an außergewöhnlicher Berg- und Talfahrt dazu, mündet in Selbstvergessenheit. Du weißt, es gibt so vieles: unzählige Eindrücke, Gefühle, Verwirrtheit. Das rüttelt mich ganz schön durch, wirbelt so manches auf,“ rechtfertige ich mich, „das muss ich erst einmal verdauen.“

„Immer du mit deinen Ausreden. Werd mal konkret! Wer muss hier verdauen – du oder ich? Es ist gar nicht schwer“, fordert mein Magen, „gib einfach MIR mehr Zeit und Raum um alles einordnen zu können, sortieren zu dürfen.“
„Ich dachte eigentlich immer, du kommst im Großen und Ganzen eh klar mit deiner Arbeit?“
„Es gibt Tage, da funktioniert dies einwandfrei. Aber dann kommt es vor, dass ich übergangen, wie eine Badewanne fühle, die überläuft.“
„Okay, okay. Ich weiß, du übernimmst eine wichtige Aufgabe, bist ein Antriebsmotor, ohne dich ging gar nichts. Aber du machst mich auch ratlos. Was soll ich denn deiner Meinung nach, tun?“
„Nun, du könntest einfach öfter mal die Bremse ziehen und mich beachten, so wie du es grad eben tust. Wir könnten ein gemeinsames Tempo finden, indem wir uns nebeneinander bewegen. Es darf nicht sein, dass ich nicht mehr nachkomme, weil ich vor Erschöpfung kaum noch erkenne, wo ich mich befinde. Hinzu kommt diese Unentschlossenheit. In manchen Momenten, da zerreißt es mich förmlich. Hierhin, dorthin oder durch die Mitte?“

„Es gibt unzählige Wegabzweigungen, die ich nehmen könnte, die interessant für mich wären,“ rechtfertigte ich mich. „Aber, aber, – entscheide dich“, höre ich den Konter, „ich weiß, es klingt abgedroschen, aber weniger ist mehr. Reduziere dich auf das Wesentliche.“
„Ich denke, du hast Recht – Konzentration aufs Essentielle. Ich will in mich hineinspüren, zum Wesentlichen vordringen.“
„Das ist schon mal eine gute Spur.“
„Nun vernehme ich Ruhe in dir, ein angenehmes Gefühl. Mir ist, als hätte ich deine Stimme vernommen, dich gehört und du bist zufrieden.“
„So ist es. Stimmen wir unser Tempo aufeinander ab? Der eine kann ohne den anderen nicht gut sein.“

Ein Gefühl der Zufriedenheit stellt sich in der bedrückten Gegend ein.