Deitdatnot, 52, gefühltes Alter meist deutlich jünger, intensiv empathisch, entdeckungsfreudig, Körpersprache-Sachverständige, lebt im Holsteiner Auenland

Reden oder Schweigen?

Soll ich reden oder schweigen?

Das frage ich mich seit ungefähr einem Jahr sehr oft. Sehr, sehr oft! Im November 2019 war es, glaube ich, da schrieb Thias mir eine SMS, die ich schon erwartet hatte. Ich hätte darauf wetten können, dass diese Nachricht kommt. Und dann stand es da, auf dem Display meines Smartphones: „Hast du schon gehört? Es ist ein neues Virus ausgebrochen. In China.“ Ich tippte meine Antwort, wie jedes Jahr um diese Jahreszeit: “Ja, Thias. Sie treiben wieder eine neue Sau durchs Dorf. Wie jedes Jahr.“, und fühle mich dabei ein klein wenig wie beim 90. Geburtstag von Miss Sophie.

Das beobachte ich nun seit Jahren. Bestimmt seit zehn Jahren oder mehr. Ich bin im Muster erkennen perfektioniert. Warum weiß ich nicht, beziehungsweise… naja, ich habe da so eine Ahnung.

Die Nachrichten von Thias werden ängstlicher und intensiver. Ich überlege: “Soll ich reden oder schweigen?“ Seine Angst scheint immer mächtiger zu werden. Er hatte gerade im Herbst eine erschreckende Diagnose erhalten und hat nun Angst, sich anzustecken. Ich überlege also, ob die Antwort – die mir in den Fingern zuckt – angebracht ist, ob sie ihn überhaupt erreichen würde. Ein persönliches Treffen und tiefergehendes Gespräch mit ihm sind nicht drin. Das hat andere Gründe. Nicht seine Diagnose und zu dem Zeitpunkt auch noch nicht unbedingt dieses Virus. Auch ein Telefonat würde nicht die Lösung bringen, entscheide ich. Nicht für ihn, nicht für mich!

Ich habe keine Angst vor diesem Virus.

Ich erinnere mich an all die letzten Jahre. Ganz besonders an 2005 (oder war es 2006?), 2009 und 2017. Es war nie wirklich etwas gravierendes passiert, was mich persönlich oder mein Umfeld erschüttert hätte, außer dass es irgendwann im darauf folgenden Jahr Meldungen gab, der Impfstoff sei vorerst vom Markt genommen worden, weil zu viele Nebenwirkungen schlimme Folgen hatten und sogar Tote forderte.

Zu dem Zeitpunkt dachte ich noch: “Ach, lass sie sich alle über das in den Medien hoch gepuschte aufregen. Sie tun es eh immer. Und Thias sowieso.“

Zum Glück habe ich vor langer Zeit schon aufgehört damit, Nachrichten zu gucken, zu hören, zu lesen…

Spätestens im Mai ist alles vorbei und dann geht’s zum Herbst wieder auf die nächste Sau los. Bin schon fast gespannt, welche es dann das nächste Mal sein wird. Ich werde es vom meinem Umfeld schon rechtzeitig erfahren.

Dann kam alles ganz anders!

Nahezu alle um mich herum schienen in Angst und Panik zu geraten. Das ist sonst eher eine meiner Eigenschaften. Ich hab schon mein Leben lang Angst vor irgendwelchen Dingen. Sogar ins Leben, bei meiner eigenen Geburt, musste man mich mühsam holen.

Eine zeitlang ging ich sogar in Resonanz. Ich überlegte, wen es wohl als Ersten treffen würde, ob es Verwandte oder Freunde oder gar mich selbst dahin raffen würde. So lauteten doch die Prophezeiungen. Dann wären wohl in ein paar Wochen nicht mehr viele aus unserem Dorf übrig.

Und dann besinnte ich mich. Eine innere Stimme sagte mir, ich bräuchte keine Angst zu haben. Nicht um mich und auch nicht um meine Lieblingsmenschen.

Klar müssen wir alle sterben. Jeder von uns. Jeder zu seiner ganz speziellen Zeit. Aber das laut aussprechen? Hmmm. Kostet Mut. Würde ich damit die Anderen überhaupt erreichen?

Bei Kira, der ich mich mit meinen Gedanken anvertraut hatte, und die dann von sich aus selbst mit ähnlichen Gedanken wie meinen heraus kam, löse ich damit scheinbar im Nachhinein Schweigen aus. Ihre Aussage zu meinen Gedanken hallt immer noch in mir nach. Doch ich höre fast nichts mehr von ihr. Das tut weh!

Und da steht sie wieder im Raum, die Frage: “Reden oder Schweigen?“

Sie soll mir ein ganzes Jahr lang und vielleicht noch viel länger so intensiv begegnen wie nie zuvor…