Ella, 45, verheiratet, Mutter von 4 Kindern, von denen 3 in die Schule gehen, wohnhaft in einem kleinen Dorf in Vorarlberg, ist in Begriff sich selbständig zu machen, wäre also genau jetzt, nach 13 Jahren Kinderzeit, endlich wieder in die Berufstätigkeit gekommen

JETZT

JETZT wird mir eng und das wollte ich nicht mehr zulassen. Das hatte ich mir versprochen. Die Tatsache, dass mir eng wird, ist wohl gar nicht so sensationell unter diesen Umständen. Das wirklich Schmerzvolle ist doch, dass ich das Versprechen mir gegenüber nicht eingehalten habe. Es steigt der Beigeschmack der Versagerin in mir auf. Na, wenigstens schmecke ich noch was.

Bisher war es mir gelungen, das Virus, die Krankheit, die Maßnahmen, die Medien, die Verschwörungstheorien und vor allem die Angst, die von allen Seiten geschürt wird, klug zu umschiffen. Immer habe ich auch offene See gesehen, war manövrierfähig und nahm auch unsere vier Kinder mit auf dem Schiff.

Dass ich der Kapitän war und mein Mann das Schiff in Schuss hielt, war uns vertraut und die Rollen eingespielt – so weit eingespielt, dass keiner ausfallen durfte. Aber dann kam eben doch Nebel auf. Sehr dichter Nebel: zu viele Nachrichten aus allen Welten, aus der politischen, der wissenschaftlichen, der spirituellen, der naturheilkundlichen. Und allen habe ich Platz gegeben. Alle durften an mich heran, weltoffen, wie ich mich gerne sehe. Wen wundert’s, dass mir da eng wurde? Wen wundert’s, dass ich da selbst keinen Platz mehr hatte?

Die Situation belastete mich nicht, weil sie so war. Situationen sind, wie sie sind, und als solche anzunehmen. Es belastete mich, dass ich sie zugelassen hatte. Ich selbst habe den Nebel aufkommen lassen. Das war schmerzvoll. Das war schmerzvoll und heilsam zugleich. Diese Einsicht machte mich wieder zur Frau der Lage. Jetzt ziehe ich wieder die Kapitänsmütze an und warte gelassen, bis der Nebel sich lichtet. Gegen Nebel anzukämpfen ist sinnlos, wenn er schon einmal da ist. Im Vertrauen darauf, dass er sich lichtet, löst sich das Engegefühl in mir. In der Hingabe an meine Fehlerhaftigkeit, an die Facette der Versagerin in mir, wird alles wieder weit. Ich schaue mich um auf meinem Schiff und sehe, dass es allen gut geht. Die gesamte Besatzung hat die Zeit im Nebel überstanden.

Anker lichten, Segel setzen. JETZT nehmen wir wieder Fahrt auf.