Liandee, 57 J., ledig, im öffentlichen Dienst, wohnt in Deutschland, versorgt 3 Plan-Kinder und viele Blumen

Raum für alles Leben

Es wird so eng. Es ist so eng, schon länger. Bedrohung –  sich schützen müssen  –  Angst zu sterben.
Es fühlt sich an, als habe ich keine Worte, nicht viele Worte. Es fühlt sich an, als dürfe man nicht mehr alles sagen. Ich glaube, das stimmt. Aber schreiben, erst mal nur für mich, das geht.

Es reicht mir! Ich möchte nicht mehr nur noch über Corona reden, danach leben. Nicht mehr leben, um nur ja nicht zu sterben. Natürlich möchte ich nicht auf dem Bauch liegend beatmet werden. Natürlich möchte ich nicht, dass ein lieber Mensch stirbt, sei er alt, krank, jung – wie auch immer.

Es gibt die Zeit zu sterben und es gibt die Zeit zu leben. Und es gibt sie nicht nur für mich und dich.
Es gibt sie ganz genau so für die Blume, den Wurm, die Laus, die Lerche und von mir aus auch für die nackte Schnecke. Wir leben miteinander und voneinander und nur, wenn alle Platz bekommen.

Es wird so eng. Es zerreißt mir das Herz, dieses rasante Sterben.

Trauen wir uns doch endlich in diese Angst! Keine Angst, keine Panik.  Es ist doch nicht das Leben, still zu stehen und zu kontrollieren, nichts zu verantworten, keine Fehler zu machen, sich nicht mehr zu bewegen. Rein in die Angst, es ist eines jeden Raum, wenn alles leben darf. Es ist sogar eines jeden Überleben.

Ich werde sterben und fragst du mich, es ist nicht entscheidend woran. Wenn ich gehe, kommen andere.

Ich habe niemanden umgebracht, als meine Bakterien oder Viren von mir zu anderen hüpften. Ich kann nicht sagen, ob einst eine alte Frau starb, weil ich sie ansteckte. Und einen alten kranken Menschen umarmte ich noch nie, wenn ich einen Schnupfen hatte.

Was passiert da? Nun gut, ich werde es nicht stoppen. Ich freue mich, dass weniger geflogen wird, dass weniger verbraucht, es zufällig nachhaltiger wird. Aber das wird nicht helfen. Wir sind zu viele!

Es ist, nein, ich frage, ist es schlimm zu sagen, dass mein erster Gedanke war: „ Oh, sie wehrt sich, die Natur.“? Ich finde es nicht schlimm.

Ich wünsche niemandem den Tod und ich möchte Raum für alles Leben. Überleben wollen ist gut. Ist es auch gut, auf deine Kosten zu überleben? Du wirst „nein“ sagen. Es wird die gleiche Antwort geben der Regenwurm, die Lerche, die Blume – du kennst sie ja alle selbst.

Du erfreust dich selbst an dieser Natur. Wie traurig wir alle sind, nicht reisen zu dürfen. Wohin? Dorthin, wo es schön ist. Wo ist es denn schön? Da, wo alle, wo wirklich alle sind!

Es stimmt doch, da wo die Wiese bunt ist, wo auf nur wenigen Quadratzentimetern „der Bär steppt“; zwanzig  (oder mehr?) verschiedene Pflanzenarten und hunderte andere kleine und große Tierchen, Bakterien. Und unter den zwanzig Kräutern wächst womöglich eines, das antiviral wirkt.

Genau da ist es doch am Schönsten, genau da träumst du dich hin, deine Seele baumeln zu lassen können. Vielleicht  auch beim Schnorcheln, die Meereswiesen bestaunen, auf dem höchsten Berg ehrfürchtig erschauern. Da willst du hin und wir kaufen uns alle Mobile, Schneckenhäuser, um raus zu kommen, um zu leben, zu genießen, uns zu erholen. Wir bauen Häuser, da wo es am Schönsten ist, aussteigen, abschalten im Alltag.

So lange, so nur für uns sorgend, nur für uns überlebend, bis plötzlich nichts mehr da ist, als eine dicke Schicht Gülle auf einer Sorte Gras. Die Lücken der Verstorbenen klaffen immer größer, wenn ich hineinsehe, in den Wald, ja selbst am Straßenrand, da liegen sie alle, die Verdursteten. Frage ich das Rotkehlchen, es wird sagen: „Nein, es ist nicht gut, keinen Raum mehr zu bekommen, zu haben.“

Wir sind laut, wir sind viele, wir werden immer mehr, wir sind nicht bereit zu sterben, vielleicht weil wir zu wenig leben, uns zu wenig trauen. Corona – bereitet mir nur ein bisschen Sorge.