Mariti, im Rentenalter, Schriftführerin in zwei Vereinen, genießt mit ihrem Liebsten ein Stadtrand- und Landleben in NRW

Wenn ich an Corona denke …

Wenn ich an die Corona-Situation denke und dass ich dadurch in meiner Handlungsfreiheit sehr eingeschränkt bin, fühle ich – nichts. Das ist mir unheimlich. Ich bin nicht einmal wütend, dass ich meine Freundinnen nicht sehen darf. Allerhöchstens ist da ein Hauch von Trauer.

Diese Gefühllosigkeit macht mir Angst. Sie erinnert mich an die Zeiten in meiner Kindheit, in denen ich seelisch versteinert bin. Heute setzt dieser Schutzmechanismus immer mal wieder ein, vor Corona aber nur noch selten. Ich habe gelernt, die Angst, sobald sie auftaucht, auf ihren Realitätsgehalt zu befragen: Gibt es eine reale Gefahr? Oder wurden Kindergefühle getriggert? Bei realer Gefahr kann ich Gegenmaßnahmen ergreifen. Ist es der Trigger, kann die erwachsene Mariti die kleine Mariti in den Arm nehmen und schützen und stärken.

Aber wie ist es mit Corona? Was passiert dadurch unter meiner Schutzschicht? Ich möchte nicht, dass da eine Glut vor sich hin kokelt, die irgendwann ausbricht und ich mir dadurch Schaden zufüge. Und: worin liegt die reale Gefahr durch Corona? Und wo ist die Angst getriggert?
Heute Morgen bemerkte ich, dass meine innere „Heidi Herzeleid“ wieder aktiv war, aber diesmal konnte ich spüren, dass sie Trauer im Gepäck hatte, und ich erinnerte mich an das Lied „Sometimes I feel like a motherless child“. Würde es mich trösten, wenn ich den Hasen Felix in den Arm nehme, der meine Mutter bis zuletzt im Pflegeheim begleitet hatte? Hat dieses Gefühl, mutterlos, also ungeschützt zu sein, hauptsächlich mit Corona zu tun? Und wenn ja, in welcher Form? Ich meine, selber keine Angst vor der Krankheit zu haben.

Aber in letzter Zeit denke ich öfter, wie das wird, wenn mein Partner oder ich pflegebedürftig werden sollten. Ich könnte mich mit einem Pflegeheim abfinden, obwohl ich auch Angst vor der Willkür der Pflegepersonen habe. Und ich habe Angst, dass die Hilflosigkeit als Pflegefall meine Gefühle der Säuglingseinsamkeit triggern würde. Aber auf diese Horror-Erinnerung will ich keine Energie verschwenden. Furchtbar wäre es allerdings, wenn mein Liebster ein Pflegefall würde. Denn er will nicht ins Pflegeheim. Eine 24-Stunden-Betreuung würde ich aber heute nicht mehr schaffen.

Hat das alles mit Corona zu tun, oder kommen diese Gedanken, weil wir älter werden und immer mehr unsere körperlichen Grenzen spüren? Oder schaut die kindliche Verlustangst um die Ecke, dass ich meinen Liebsten, meine Lieblings-Nervensäge, meinen Fels in der Brandung verliere? Das Thema Loslassen beschäftigt mich im Moment sehr und begegnet mir von allen möglichen Seiten: Nicht nur die Lieblingsschwägerin krebskrank im Pflegeheim und die Tante mit Schlaganfall im Krankenhaus, sondern auch Facebook-Fundstücke mit schlauen Zitaten.

Zurück zur Corona: Ich halte auch die Angst von mir fern, dass uns die Politik in den wirtschaftlichen Ruin führt und die Rentenzahlung nicht mehr sicher ist.

Zu Anfang habe ich geschrieben: wenn ich an die Corona Situation denke, fühle ich – nichts. Nach dieser Schreib-Orgie weiß ich: ich fühle sehr viel Angst und Trauer. Aber es gibt eine Schicht in mir, die mich davor bewahrt, ständig mit diesen bedrohlichen Gefühlen umzugehen. Früher hat mich diese Schicht „vereisen“ lassen.

Heute ist sie ein Schutzschild. Dafür bin ich dankbar.