Christine, 62, Stuttgart, verheiratet, 2 erwachsene Kinder, freie Mitarbeiterin in einem PR-Büro

Corona betrifft auch mein Leben

Ja, Corona betrifft auch mein Leben, tatsächlich. Längst nicht so deutlich, wie das Leben einer Krankenschwester. Und in keiner Weise so beängstigend, wie wenn ich jeden Tag die leeren Stühle in meinem kleinen Café aushalten müsste. Und auch bin ich Glückspilz genug, dem Virus bislang nicht persönlich begegnet zu sein.

Aber etwas trifft mich doch. Etwas bewegt mich und verändert kaum merklich mein eigenes Leben: Ich vermisse meine erwachsenen Kinder. Um eine drohende Entfremdung geht es dabei nicht. Und die beiden leben auch nicht unerreichbar weit weg in England oder Brasilien. Nein, sie wohnen bloß eine Viertel- oder halbe Autostunde entfernt. Im Abstand weniger Wochen kommen sie zu uns auf die Terrasse zu einem fröhlichen Schwätzchen und liebevollen Gedankenaustausch. Oder wir gehen einzeln miteinander spazieren. Das genieße ich immer sehr und bin dankbar für diese Möglichkeiten des Wiedersehens. Ohnehin mag ich Treffen unter vier Augen viel lieber als große Runden, auch unter Freunden, das ging mir auch vor Corona so.

Und doch merke ich, dass da etwas fehlt. Es fehlt das Zusammenkommen aller an einem großen runden Tisch. Das Treffen all derer, die in unserer Familie eine Einheit, ein starkes Netz bilden, unsichtbar verbunden durch das zarte Gespinst der Freude aneinander, die Liebe zueinander und der ineinander verwobenen Erinnerungen. In dieses duftig-luftig-stabile Gewebe gehören nicht nur meine Tochter und ihr Freund, mein Sohn und seine Frau, sondern auch mein Bruder, meine Schwägerin, meine Cousine, meine Nichte und ihre Familie. Ich vermisse das Beisammensein mit dem Hin- und Herschwirren der Themen und Geschichten, den geteilten Bildern und Gefühlen, ich vermisse das Spiel der Gedanken in den Gesichtern. Und am allermeisten fehlt mir das gemeinsame Lachen. Dieses gegenseitige Foppen und Auf-den-Arm-Nehmen, die Scherze und Anspielungen, die nur in einer langvertrauten Runde verstanden werden.

Ja, in dieser Weise betrifft Corona mein Leben und trifft in sentimentalen Momenten auch direkt in mein Gemüt. Aber gleichzeitig wirft es auch einen Lichtstrahl. Ein Spotlight auf das Schönste in meinem Leben. Indem es mir bewusst macht, dass es da etwas Wunderbares gibt, was ich vermissen kann. Ein Grund somit zu großer Freude.

Und ich habe eine zweite große Freude: Auf meinem kleinen Boot schippere ich nicht alleine durch das uferlose, langwierige Corona-Meer, sondern ich habe meinen Mann an Bord. Ich weiß, dass ich mich, sollte ein Sturm aufkommen, blind auf ihn verlassen kann. Aber fast noch wichtiger: Auch während der Flaute, auch im den bleiernen, konturlosen Corona-Wattenebel ist er mir ein treuer und lieber Begleiter, mit dem ich viel lachen kann.

Auch das hat mir Corona gezeigt.