"Zimbelstern": Theologin und DGKP, im Sozialbereich tätig, Ehefrau und Mutter, 49 Jahre, Graz.

Corona betrifft mein Leben…

…weil, nachdem ich Corona hatte, Entscheidendes  anders ist als vorher.

Es waren vier wahrlich prägende Wochen, diese Wochen in denen das Virus, das doch eigentlich einen so unverfänglichen Namen hat – manche gar eher an eine Biersorte erinnern mag – ja, seit dieses Virus aus dem Hinterhalt mich aus der Kurve gehoben hat und Erfahrungen, Schrammen, Spuren hinterlassen hat. Aber langsam – der Reihe nach.

15. November 2020: Wochenende!

So viel hab ich vor für heute  – hätte mich nicht in der Nacht offenbar ein Vorschlaghammer getroffen, sodass ich nicht einmal aufstehen kann. Der Anfang von vier elendig-langen Wochen, die mich vollständig ans Bett fesseln, in denen zu lange selbst die Kraft fehlt, mich im Bett alleine zuzudecken,  die Unmöglichkeit, das, was ich wolkig denke gesprochenes Wort werden zu lassen, Fieber und Schmerzen die alles in einen zähen grauen Nebel einhüllen.

Ich habe so etwas noch nie – noch gar nie erlebt. Und das, obwohl das Leben mir schon manches Stück in der Vergangenheit gespielt hat – aber das was jetzt ist, das ist anders, ganz anders als alles was bisher in meinem Erfahrungshorizont war. Das ganz Andere, das vollkommen Neue, das Unverfügbare, das sich unserer Kontrolle entzieht, die Hilflosigkeit, die Sprachlosigkeit – das alles macht etwas mit mir – oberflächlich und ganz tief in mir.

Nein, verharmlosend-rosarot gesehen hatte ich es auch bisher nicht – dafür sah, oder vielmehr hörte ich über lange Zeit jeden Tag beruflich viel zu viel an persönlichen Geschichten, Erfahrungen, Tragödien auch, die dieses Virus zu Menschen bringt.

15. November 2020

Wie  ein verfrühtes  Zerrbild des Nikolaus – der doch eigentlich noch auf sich warten lassen sollte.  Ich bin doch noch gar nicht sooo alt….- oder kommt es darauf eben doch gar nicht an? Fragt das Virus eben doch nicht so sehr nach dem Alter?

Von heute auf morgen – nein: von jetzt auf in wenigen Stunden nur ist das Irritierende hyperpräsent: das macht mir zu schaffen. Ohne Vorwarnung, nicht sich langsam ankündigend, die Chance gebend, wahrzunehmen, dass etwas in Schieflage geraten ist. Kein Raum, mich vorzubereiten. Zumindest das meine vorher so zu sortieren, dass ich weiß: jemand anders kann mühelos übernehmen – wenn schon die Mühe des Übernehmen-Müssens bleiben muss.
Tatendrang, Pläne  und dann:  Knock-out – nahtlos nebeneinander.  Wand. Grenze. Wie Stacheldraht – denn was da geschieht verletzt.  Aber nicht nur. Da ist noch mehr…

Ich darf  Liebe erfahren – unfassbar liebevolle Liebe. Nicht lediglich Zuwendung, die ersetzt, was ich nicht kann in diesen Wochen, sondern Liebe die hinhört wo keine Worte sind, weil sie sich nicht formen können. Liebe, die sich sorgt, ohne sich und mich zu zer-sorgen. Liebe die liest was mir Not ist – auch ohneWorte. Liebe, die einfach ausharrt,  hilft, stützt, versorgt, aushält, hofft. Mit mir hofft und für mich hofft. Für uns hofft. Mein wunderbarer Mann, nicht immer da aber doch ganz da.
Auf einmal gibt es da Meschen – es gab sie vorher schon, aber nun sind sie ganz anders präsent–  plötzlich da , fragen, leihen mir ein  offenes Ohr , und dem, der für mich da ist in diesen Wochen.  „Es ist doch nur eine Kleinigkeit “ wie oft hören wir diesen Satz in diesen Wochen.

Aber sie sind es – genau eben jene manches Mal fast unscheinbaren Kleinigkeiten – eine Packung Milch die mitgebracht wird, die Medikamente, die aus der Apotheke den Weg bis vor unsere Haustür finden, und immer wieder die nicht nachlassende Frage: wie geht es euch? Braucht ihr etwas?

Und noch etwas: die felsenfeste Zusage: Wir denken an euch. Sind für euch da. Die Zusage, die nicht nur Wort bleibt sondern Tat wird. Sie ist groß – unendlich groß in einer solchen Zeit in der die eigene Welt klein werden muss.  Sie erlebt zu haben macht dankbar und demütig. Demütig-dankbar. Und froh – ganz tief im Herzen. Lässt den Glauben, der erschüttert ist, wieder Boden finden.

Und nun – mehrere Monate später?

Die Erinnerung an diese Wochen hat Spuren hinterlassen. Die Vögel scheinen lebhafter zu singen, die Sonne strahlt ein wenig heller, die Arbeitstage sind wertvoller geworden, Duft wieder wahrnehmen zu können ist ein Geschenk. Und doch ist längst nicht alles wie vorher.  Der Weg ist – man sieht es von außen nicht – noch ein weiter.

Und ich möchte es den Menschen sagen: dieses kleine unscheinbare Ding ist wahrlich kein Spaß. Tragt einander, anstatt es zu negieren. Nehmt es ernst realistisch ernst, statt Verschwörungstheorien zu verbreiten.

Lasst uns miteinander kämpfen, indem wir füreinander da sind. Mit unseren Erfahrungen, mit unserem Hinhören, mit Worten, mit Tun und mit unserem Glauben und Trost. Denn dann müssen wir uns nicht fürchten und können gemeinsam ausharren, bis andere Zeiten kommen.
Dieses Erfahren-haben, Wissen, Spüren ganz tief in mir, betrifft mein Leben auch nun, da es überstanden ist. Betrifft meine Sicht, mein Hinhören, mein Denken, mein Glauben und Vertrauen.
Auch wenn alles vorbei sein wird – irgendwann – wird doch etwas bleiben.