…weil ich plötzlich aus meinem Alleinsein zuhause herausgerissen und in ein „zu Dritt“ sein gestoßen wurde.
Zu Dritt bedeutete: ich, mein Mann und mein 9jähriger Sohn. Ich, die krankheitsbedingt seit einiger Zeit von der Arbeit karenziert und somit sowieso viel zuhause war. Mein Mann, der unser Wohnzimmer zum 12 Stunden Arbeitsplatz umfunktionierte. Und mein Sohn, der die Schulbank kurzerhand in unsere Küche verlegte und mich im Minutentakt mit Zwischenrufen wie zum Beispiel „Mama, hilf mir mal!“, „Mama was heißt das?“ oder „Mama, ich hab Hunger!“ bombardierte.
24 Stunden permanentes Zusammensein. Mehr oder weniger abgeschnitten von der restlichen Gesellschaft, weil sich Corona bedingt unser Land in einem Lockdown Zustand befand. Konnte das gut gehen?
Ich war ja das Zuhause sein bereits gewöhnt. Verbrachte ich doch die letzten beiden Jahre die meiste Zeit zuhause. Alleine, wohlgemerkt. Nur ich und meine Gedanken. Ein Tag glich dem anderen, Termine bei Ärzten und Therapeuten wurden zum Highlight. An guten Tagen erfreute ich mich an Spaziergängen im Wald, an schlechten Tagen verharrte ich im Bett.
Kranksein war für mich – lange bevor Corona kam – mein persönlicher Lockdown. Mein Sohn ging von der Schule in den Hort und danach zur Oma. Mein Mann verließ um 8 Uhr die Wohnung, um gegen 20 Uhr oder noch später wieder heimzukommen. Viel Zeit für mich um zu meditieren, spazieren zu gehen, Therapien wahrzunehmen – alles drehte sich nur um mich und mein Kranksein. Viel Aufmerksamkeit, vielleicht zu viel Aufmerksamkeit auf den kranken Teil in mir.
Und der gesunde Anteil – was war mit dem? Den hat Corona wieder zum Leben erweckt. Corona, dieser kleine böse Virus, der für zig Millionen Tote verantwortlich ist, soll mein vernachlässigtes, verkümmertes und unterdrücktes, gesundes ICH wiederbelebt haben? Nun vielleicht nicht das Virus per se, wohl aber die durch Corona ausgelösten Einschränkungen. Wie soll das gehen?
Indem ich plötzlich gezwungen wurde in der Früh aufzustehen, um meinem Sohn ein Frühstück zu richten. Ihn anzutreiben, den Pyjama gegen T-Shirt und Jeans zu tauschen, um nicht zum dritten Mal in Folge mit demselben Spiderman Pyjama Oberteil beim Zoom Meeting mit seiner Lehrerin erwischt zu werden. Indem ich einkaufen gehen, Mittagessen kochen, Homeschooling betreiben und mich um einen stündlich wachsenden Wäscheberg kümmern musste.
Indem ich aktiv werden musste und Treffen mit Schulfreunden von meinem Sohn organisierte, damit er als Einzelkind nicht komplett sozial vereinsamte. Treffen die natürlich nur im Freien stattfinden konnten. Indem ich gerade zu Beginn des Lockdowns zusätzliche Aufgaben übernahm, wie zum Beispiel für meine Schwiegereltern den Einkauf zu erledigen. Beide sind über 80 Jahre alt und zählen somit zur Corona Hochrisiko Gruppe.
Corona betrifft mein Leben, weil es mich – im Gegensatz zu vielen anderen Menschen – nicht in die Isolation gedrängt, sondern daraus befreit hat. Weil es mir gezeigt hat, dass ich trotz meiner krankheitsbedingten Einschränkungen Verantwortung übernehmen und Aufgaben erfüllen kann.