Ulrike, 58, selbständig, kreativ, Mutter von 3 erwachsenen Töchtern, frisch geschieden, lebt in einem Dorf an der Mosel

Corona betrifft mein Leben…

…und zwar zum Beispiel, weil ich plötzlich erschreckend viel Zeit am Bildschirm verbringe.

Mein Tag beginnt seit vielen Monaten damit, dass ich das WLAN einschalte, mir das Handy von der Ladestation hole und schon auf dem Weg ins Bad die Nachrichten checke. Nicht die Nachrichten aus aller Welt. Nein, die persönlichen. Es hat sich im Laufe der Corona-Zeit zu einer Sucht entwickelt. Fast scheint es, als wäre ich mir selbst nicht mehr genug. Früher war es mir wichtig, einen sanften Start in den Tag zu haben. Da ging ich zuerst in die Küche, habe mir einen Getreidekaffee gekocht und mich in Schlafanzug und Strickjacke zum Morgenseitenschreiben an den langen Tisch gesetzt. Im Sommer auch in die Sonne, auf die Terrasse.

Wann habe ich eigentlich damit aufgehört? Und warum? Ich schaue gerade einmal nach. Der letzte Eintrag ist von Mitte Oktober. Aber schon davor gab’s nur noch sporadische Einträge. Wirklich regelmäßig geschrieben habe ich nur bis etwa Mitte Juni. Warum? Was ist mit mir geschehen? Das eigene Schreiben wurde vom Lesen dessen abgelöst, was andere schrieben. Heute schlürfe ich meinen Morgenkaffee mit Blick ins iPad, oft nebenbei. Wie schade. Dann beginne ich – orientiert an meiner Tagesaufgabenliste – mit meinen Jobs, meist am Rechner. Und wenn nicht am Rechner, dann am iPad. Seit ich kaum noch mit Stift und Papier zeichne, ist nun auch die Zeichenzeit zur Bildschirmzeit geworden.

An manchen Abenden schmerzen die Augen, fühle ich mich beim nächtlichen Spaziergang mit dem Hund der wahren Welt entrückt, atme erstaunt die klare, frische Luft ein wie etwas Unbekanntes. Und mir kommt eine Ahnung, dass diese wunderbare Luft auch schon da war während ich stundenlang vor dem Rechner saß. Fast jeden Tag bin ich in Zoom. Gestern hatte ich insgesamt vier Zoom-Calls. Bei Licht betrachtet ein Marathon. Aber daran habe ich mich im Laufe der Corona-Zeit gewöhnt, habe sozusagen erfolgreich trainiert. Es ermüdet mich lange nicht mehr so wie am Anfang. Ich mag Zoom. Die Möglichkeit, die Menschen in meinen Raum zu holen, gemeinsam zu sprechen und sich dabei zu sogar zu sehen. Meine Kirchen-Schreibgruppe läuft seit dem zweiten Lockdown auch online, aber da schaue ich zwischendurch wenigstens aufs Papier und nicht auf den Bildschirm.

Ich müsste wieder mehr schreiben. Ich müsste oder ich würde gerne? Ja, eigentlich würde ich gerne. Aber warum eigentlich? Es bedarf doch nur einer Entscheidung und – schwupps – schreibe ich wieder mehr. Ja, so einfach ist das. Also gut, es ist beschlossen, hier und jetzt, dass ich morgen früh wieder mein altes Ritual aufnehme: Morgenseiten-Schreiben. Und davor sind alle technischen Geräte tabu. Ein guter Check, ob ich wirklich schon süchtig bin oder ob ich es am Morgen noch ein wenig ohne WLAN aushalte. Eigentlich ärgert mich ja gar nicht die Tagsüber-Bildschirmzeit. Aber eben jene am Morgen. Und auch die am Abend, die unmittelbar vor dem Schlafengehen. Da scrolle ich eben nochmal schnell durch Facebook, öffne hier noch einen Link, schreibe dort noch flott eine WhatsApp. Auch habe ich mir angewöhnt, fast täglich ein neues Bild in meinen Status zu stellen.

Immer mal wieder schaue ich dann im Laufe des Tages, wer sich mein Bild denn alles angesehen hat. Manchmal schickt mir daraufhin auch der ein oder andere einen Gruß. Nicht selten sogar Menschen, mit denen ich nur losen Kontakt habe, die aber dank der Speicherung ihrer Handynummer in meinem digitalen Adressbuch mein Statusbild sehen können. Das führt dann zu netten kleinen Chats. „Wie geht es dir denn so in diesen verrückten Zeiten? Wie läuft ein Business? Pass auf dich auf. Bleib gesund.“ Das hört sich jetzt stereotyper an, als es ist. Nein, oft erfährt man tatsächlich etwas voneinander, hört von Sorgen und Unsicherheiten. Die alte Mutter im Seniorenheim. Die Verschiebung des Impftermins. Die Mühsal mit dem Homeschooling. Die Überforderung.

Führt Corona dazu, dass wir uns mehr und schneller öffnen, weil wir uns trotz des Abstands in unserem gemeinsamen Schicksal verbundener fühlen? Auf jeden Fall ist ein echter Austausch viel leichter möglich auf der Basis gemeinsamen Erlebens. So wie eben jetzt im Corona-Leben. Aber ich schweife ab. Meine ausufernde Bildschirmzeit war mein Thema. Da bleiben auch die langen Lese-Abende auf dem Sofa auf der Strecke. Nicht wenige Zoom-Calls finden am Abend statt. Aber stopp. Das ist nur eine Ausrede. Meist ist gegen 21 Uhr alles gelaufen. Ich hätte durchaus genug Zeit für einen Offline-Tagesausklang. Vielleicht sollte ich auch das einmal ritualisieren als Pendant zum Morgenseiten-Schreiben. Ein Sofa-Abend-Lesen einführen ab 21 Uhr. Dann blieben mir abzüglich der nächtlichen Hunderunde noch zweieinhalb Stunden gemütlich, ganz ohne flimmernde Strahlung. Nur mein Buch und ich. Da wären dann endlich auch viele Kapitel am Stück möglich, statt nur drei Seiten bis mir die Augen zufallen. Die Idee gefällt mir. So simpel. Schon länger beklage ich das dauernde Vor-dem-Rechner-Sitzen. Aber offensichtlich habe ich darüber vergessen, dass ich ja – Corona hin, Corona her – ein freier Mensch bin. Ich allein entscheide, wie ich meine Tage gestalten möchte.