…weil plötzlich Nähe und Berührung als gefährlich angesehen werden.
Mir vorzustellen, dass wir uns einen oder zwei Tage lang nicht berühren dürfen, ist ja völlig kein Problem. Doch die Tatsache, dass man von einem Tag auf den andern immer 2 Meter Abstand von anderen Menschen halten muss, war für mich ein Schock. Auf den Strassen und unter den Lauben der Geschäfte gingen wir einander richtiggehend aus dem Weg, überlegten schon von Weitem, wie wir aneinander vorbeikommen, wenn es sich nicht vermeiden liess, dass wir uns auf dem Trottoir kreuzen mussten. Es kam mir vor, als ob wir von einem Moment auf den andern uns als gefährlich taxierten und wie in einem Computergame so gut es ging rechtzeitig auswichen.
Irgendwie kamen mir die Menschen in der ersten Zeit auch amputiert vor, amputiert am Ende der Unterarme. Es stellte sich die Frage, wie das gehen soll, einander persönlich zu begegnen ohne die Hände zu schütteln oder sich freundschaftlich Küsschen zu geben. Wie begrüsse ich beispielsweise meine Klienten bei der Arbeit? Namaste fände ich eine schöne und würdige Alternative zum Handschlag. Aber sie passt irgendwie nicht ganz in unseren Kulturkreis. Faust-, Ellbogen- oder Fussboxen fand ich für mich jedoch definitiv auch nicht als Ausweg, obwohl ich gerade heute bei einem Arbeitgebergespräch wieder mal hingehalten habe. Man kann ja schliesslich nicht Spielverderber sein, oder? Mir sind diese Annäherungswege zu kumpelhaft und gekünstelt.
Schlimmer als der Verzicht auf eine persönliche Begrüssung – ja, so hat man dies in der Zeit vor Corona noch genannt – hat mich die angeordnete Gesichtsverhüllung getroffen. Auf einmal sah man, wie stark man sein Gesicht verhüllen kann und wie die einzelnen Personen dies handhabten: Die einen kamen mit für mich lächerlich aussehenden, einen Schnabel andeutenden Globi-Masken daher. Andere bedeckten sich mit einer möglichst breiten und ausgefalteten Operationsmaske. Wieder andere dagegen mit einem ziemlich knapp gehaltenen Mund-Nasen-Schutz. Auf jeden Fall verhüllten wir uns. Ich habe übrigens für mich den Vergleich mit dem Saunatuch hergestellt: Auch hier ist es so, dass man beim Aufstehen und unter die Leute gehen sich möglichst schnell den Stoff umwickelt.
Je nach Ort, Berufsgruppe, kantonaler Weisung oder auch persönlichem Wohlbefinden wurden und werden die Masken mehr oder weniger häufig getragen. Für mich war das Maskentragen – vor allem in der Anfangszeit – sehr schlimm. Ich habe mich gefragt, woher das kommt, dass ich so stark auf diese Weisung reagiert habe. Mehr denn je glaube ich, dass es mit einer frühkindlichen Erfahrung zu tun hat und zwar mit Folgender: Als etwa vier- oder fünfjähriger Bub besuchte ich mit meinen Eltern ein Militärspital, das einen Tag der offenen Tür für die Bevölkerung angeboten hat.
Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie es war, als wir damals den Operationssaal betreten haben und mir menschengrosse Figuren in riesigen blauen Operationskleidern gegenüberstanden. Ich war geschockt und wollte davonrennen. Ob ich geschrien habe, weiss ich nicht. Auf jeden Fall war es mir total unwohl. Ich sehe das Bild jetzt noch sehr klar vor mir und weiss, dass ich damals sehr viele Nächte im Traum erschreckt worden bin. Sosehr sass mir der Schock in den Knochen. Diese Erfahrung war mir so unwohl, dass ich sie später richtiggehend verarbeiten musste. Ich tat dies, indem ich mich dieser Situation bewusst auseinandergesetzt habe, beispielsweise im Militärdienst in einem Militärspital und einem Stage in einem Operationssaal eines zivilen Spitals.
Das Schlimme für mich ist nun, dass wir seit einem ganzen Jahr regelmässig mit diesen grässlichen Masken herumlaufen und unsere Persönlichkeit dermassen verstecken müssen, wenn wir unter die Leute gehen wollen. Manchmal kommt es mir vor wie eine Szene in einem Gangster-Film, nur dass das angeblich die neue Normalität sein soll. Damit habe ich grösste Mühe, mich abzufinden mit der Idee, dass wir unsere Erde dermassen kaputt gemacht haben, dass wir uns nicht mehr normal, d.h. ohne Schutzmassnahmen, darauf bewegen können. Ich habe darum mehr als einmal gesagt, dass, wenn wir von jetzt an immer wieder im Alltag mit Masken herumlaufen müssen, für mich ein solches Leben nicht mehr lebens- und liebenswert mehr ist. Diese Einschätzung kam bei meinen Gegenübern nicht immer gut an. Öfters bemerkte ich eine leicht geschockte Reaktion.
Ich bin ein Mensch, der sich sehr stark an der Mimik des Gegenübers orientiert und entsprechend reagiert. Mimik oder einfach auch schon die einzelnen Gesichtszüge, das bedeutet mir Nähe; das bedeutet mir das Wunder der individuellen Persönlichkeiten.
Was ist das Lebenswerte daran, wenn wir uns so stark verhüllen? Ich frage mich: Wieviel Distanz, Abgrenzung müssen wir noch erleben und erleiden? Ist nicht der Mensch darauf angelegt, dass er berührt wird; dass er unterscheiden lernt die so feinen Nuancen der Berührung? Was tun wir unseren Kindern an, wenn wir sie lernen, dass Nähe und Berührung gefährlich sein können? Ich weiss jedenfalls aus meinem Leben, dass Berührung mich sehr viel tiefer in meinem Innern treffen kann als noch so passende Worte. Soll diese Erfahrung nicht mehr gelten?
Ich habe eine Körpertherapieausbildung gemacht, weil ich meinen Körper so stark schätzen gelernt habe. In dieser Ausbildung haben wir immer wieder auch mit Berührungen und körperlicher Nähe gearbeitet. Ich durfte dabei sehr viel lernen und aufarbeiten. Und soll das jetzt von einem Tag auf den andern keinen Wert mehr haben, nur weil immer wieder diese Angst vor Infektionen uns zu lähmen droht?
Mir geht es jedenfalls so, dass ich hungere nach Nähe, nach Berührung und nicht nach Desinfektion von all dem, was ich berührt habe. Wohlgemerkt, ich sage dies als jemand, der in einer glücklichen und auch körperlich-emotional nährenden Partnerschaft leben darf. Ich habe auch zwei fast erwachsene Kinder, die mir sehr viel bedeuten und denen ich mich sehr nahe fühle. Doch mir fehlt im Alltag die Lebendigkeit, Unbekümmertheit, zu der je nach Situation auch Berührung und Nähe gehört.
Was mache ich dagegen? Die Zeit der Pandemie mit ihrem Gebot der Distanz hat sich bei mir ähnlich ausgewirkt wie bei jemandem, der einen anderen Sinn, beispielsweise das Augenlicht verloren hat. Ich merke an mir, dass ich feinfühliger geworden bin für die Nuancen, wie jemand spricht, welche Worte sie gebraucht, was mitschwingt mit seinen Worten. Da schwingt häufig sehr viel Nähe und persönliche Betroffenheit mit.
Ich habe bewusst Wert gelegt, meine Herzlichkeit zu leben; meinen Fokus darauf zu legen, mich zu achten, mit welcher Gefühlslage und mit welchen Worten jemand sich kundtut. Darauf habe ich dann reagiert. Ich glaube, wir können einander nie genug Herzlichkeit und Wertschätzung entgegenbringen. Dies ist für mich Nähe an Stelle der Nähe, die momentan so stark eingeschränkt ist. Für die Herzlichkeit und Nähe setze ich mich ein, besonders in diesen Zeiten.