Maren, 53, verheiratet, Mutter einer erwachsenen Tochter, freiberufliche Instrumentalpädagogin, wohnhaft im Rheinland, Deutschland

Corona betrifft mein Leben. Und zwar vor allem…

…weil ich seit einem Jahr nicht mehr in Präsenz unterrichten kann.

Ich bin freiberufliche Blockflötenlehrerin und unterrichtete bis vor einem Jahr Frauen zwischen 67 und 84 Jahren zuhause im Ensemble, im Trio oder im Einzelunterricht.

Für Mitte März hatten wir mit unserem Ensemble einen Auftritt im Café unserer Gemeinde geplant. 30 Minuten Musik zur Unterbrechung des gemeinsamen Kaffeetrinkens. Wir übten seit Januar und ich hatte gerade mit dem Pfarrer vereinbart, wo wir uns vor unserem Auftritt im Gemeindehaus einspielen konnten.

Am Abend hörte ich in den Nachrichten, dass ab der nächsten Woche ein Lockdown verhängt werden würde. Das komplette Leben sollte zum Stillstand kommen, um die Ausbreitung des Virus zurückzudrängen. Schulen und Kindergärten wurden geschlossen, Musik- und Volkshochschulen auch. Und auch wir privaten Musiklehrer durften keinen Unterricht mehr anbieten. Von Jetzt auf Gleich brach mein berufliches Leben zusammen.

Ich liebe mein Instrument, ich liebe es, mit meinen alten Damen, die mir Freundinnen geworden sind, zusammen zu musizieren. Ich liebe es, wenn wir mehrfach im Jahr in die Altenheime gehen und dort spielen und die Bewohner mit uns singen. Und ich liebe auch unsere privaten Zusammentreffen, zu meinem Geburtstag im Sommer, wenn wir auf meiner Terrasse gemeinsam frühstücken, oder auch im Advent, wenn wir zuerst die Choräle aus dem Bach’schen Weihnachtsoratorium spielen und dann bei Kinderpunsch und selbstgebackenen Plätzchen zusammensitzen. Das sollte nicht mehr möglich sein? Unvorstellbar!

Dann musst du eben eine CD aufnehmen und sie an deine Schüler verteilen, meinte mein Mann. Dann kann jede bei sich zuhause mit dir mitspielen. Nette Idee…

Seitdem habe ich unzählige Stunden in meinem Wohnzimmer Aufnahmen gemacht. Ich habe die einzelnen Stimmen eingespielt und sie an meinem Laptop bearbeitet, ich habe die Stücke zum Üben langsamer gemacht oder einzelne Stimmen ausgeblendet, ich habe alles als mp3 gespeichert und auf CDs gebrannt. Ich lernte immer mehr dazu. Die CDs habe ich auf langen Radtouren durch unsere Gemeinde meinen Schülerinnen gebracht, habe geklingelt, eine Maske aufgesetzt und auf Abstand mit ihnen gesprochen. Mein Herz zog sich schmerzvoll zusammen.

Als es Sommer wurde, lud ich meine Damen in meinen Garten. Mal zu fünft, mal zu sechst. Ich stellte Stühle auf den Rasen und maß mit einem Zollstock 2m von Stuhl zu Stuhl, 6m nach vorne wegen der Aerosole. Abstand. Abstand. Wir spielten Volkslieder, immer zwei Strophen, wie wir es so oft im Altenheim getan hatten.

Doch es war schwierig. Wind kam auf, Notenhefte fielen. Ein Nachbar mähte den Rasen, Polizeisirenen dröhnten über die Hauptstraße. Keine guten Voraussetzungen für mein Ensemble, in dem viele nicht mehr gut hören können. Das Ergebnis schmerzte. Ich hätte gerne geweint. Hinterher standen wir mit Abstand im Garten, legten die Handflächen zusammen und verneigten uns voreinander statt uns herzlich zu umarmen.

Damals dachten wir noch, dass es nur noch eine kurze Weile wäre, bis wir wieder alle zusammen würden musizieren können. Die Draußentreffen, die CDs, alles nur ein Übergang.

Doch inzwischen hat ein neues Jahr begonnen. Seit dem Sommer haben wir uns nicht live getroffen. Eine einzige meiner alten Damen ist bereit und in der Lage, per Skype Unterricht zu nehmen. Für Einzelunterricht ist es eine Möglichkeit. Doch ich sträube mich, es eine Alternative zu nennen, für mich ist es keine. Das Zusammenspiel funktioniert nicht, der Klang ist furchtbar, nach der Stunde schmerzt nicht nur der Kopf.

Meine Hoffnung, dass es bald wieder möglich sein wird, zusammen zu spielen, ermüdet. Corona betrifft mein Leben. Jeden Tag.