…jeden Tag.
Es betrifft – also nun – nicht mich persönlich so arg. Aber es betrifft den Menschen, den ich liebe, am meisten.
Wenn ich aufwache, dann plane ich den Tag so, dass ich sicher sein kann, dass es möglichst wenig Risiko gibt. Ich treffe Menschen – andere Menschen – nur dann, wenn ich sicher sein kann, dass ich nichts mit nach Hause bringe. Das sind dann Treffen draußen oder Treffen nur mit vorherigem Test.
Corona betrifft mein Leben und das Leben meines Partners, weil mein Mann eine Vorerkrankung hat. Ich denke nach und entscheide bewusst, wen ich wo treffe: Freunde draußen, Familie nur getestet. Ich minimiere das Risiko, weil ich zumindest hier die Kontrolle haben will. Wenn schon sonst alles unsicher ist. Einkäufe sind reduziert auf ein Minimum, es gibt einen Essensplan, damit wir möglichst lange nicht außer Haus müssen. Ich möchte ihn, meinen geliebten Menschen, natürlich schützen – ob das geht? Wer weiß…
Komische Gedanken hat man in so einer Zeit. Dem Rauchfangkehrer zum neuen Jahr die Hand geben? Naja, eher nicht. Das kleine Bier in der Wohnung des Bruders? Nur getestet, oder gar nicht. Der Kollegin am Präsenz-Bürotag auf die Schulter klopfen, weil sie so gut gearbeitet hat? Ich weiß es nicht und lass‘ es lieber bleiben.
Man kann niemanden davor bewahren zu sterben, wenn seine Zeit gekommen ist. Aber ich muss es ja nicht herausfordern, den wichtigsten Menschen in meinem Leben anzustecken, oder?
Wir sind ein mittelaltes Paar – manchmal fühle ich mich aber, als wäre ich alt oder schon in Pension. Die Zeit tropft vorbei, Homeoffice, telefonieren, spazieren, ein bisschen malen – keine Nachrichten mehr. Ich halte sie nicht mehr aus, die Nachrichten.
Ich fühle mich wie mitten in einer Zeitenwende. Als säße ich direkt auf dem Theatervorhang, der zum 2. Akt geöffnet wird. Das Aufziehen des Vorhangs dauert ewig. Was kommt im Stück? Jetzt? Und trotzdem, dass ich seit einem Jahr nun schon so lebe, ich glaube es kaum. Wie geht das bloß, dass die Zeit gleichzeitig schnell u n d langsam vergehen kann?
Corona betrifft mein Leben, weil es mich mit der Angst vor dem Leiden und vor dem Sterben konfrontiert. Und trotzdem mache ich weiter. Erledige meine Arbeit, liebe, putze das Heim oder sitze rauchend am Balkon.
Ich fühle mich sehr auf mich selbst zurückgeworfen. Was ich hier sehe, in diesem Selbst, gefällt mir nicht immer, aber ich nehme eine ganze innere Landschaft riesigen Ausmaßes wahr. Hier gibt es Berge und Sümpfe, Tiere und Menschen und unglaublich viel Platz zum Atmen. Es gibt Sonne uns Sinn und eine Zeit, die einfach i s t. Wenig Morgen und kaum ein Gestern.
Corona betrifft mein Leben, und zwar z.B., dass ich jetzt die Möglichkeit habe, diese riesige und schöne innere Landschaft zu erkunden. Allein. Das muss so ein, denn im Grunde sind wir allein mit unserem Leben, unseren Herausforderungen, unseren Entscheidungen, unseren Ängsten, unserem Sterben.
Ich bemerke, dass viele Menschen weicher werden, offener miteinander reden. Gemeinsam verbrachte Zeit wird ein Highlight der Woche, der Gang zum Frisör ist ein echtes Gesprächsthema, das alle glücklich macht. Und doch, irgendwie sind wir innerlich allein und am Erforschen der inneren Struktur. Manchmal stört es mich gar nicht mehr, wenn ich im Außen auch nur wenigen Menschen begegne, weil ich mit meinem Inneren so beschäftigt bin.
Ich bin froh, dass jemand an meiner Seite ist. Wahrscheinlich würde ich zerbrechen, müsste ich alleine leben ohne Familie. Was für ein Widerspruch in meinen Gedanken! Zuerst bin ich froh, weniger Menschen zu sehen und mit mir selbst beschäftigt zu sein – aber ganz allein sein kann ich auch nicht.
Der Widerspruch, die 2 Seiten, allein und doch nicht allein sein wollen… Es ist wie ein Riss, der immer breiter wird. Muss man sich dann für eine Seite entscheiden? Hoffentlich nicht.