Mimi, Ende 50, in Teilzeit beschäftigte Singlefrau, allein lebend in Köln

Corona betrifft mein Leben und zwar, zum Beispiel….

…heute. Heute wollte ich, Mimi, eine in Teilzeit beschäftigte Singlefrau aus Köln, meine Cousine nach sieben langen Monaten endlich wieder einmal persönlich treffen.

Das unser letztes Treffen so viele Monate zurück liegt, gründet diesmal nicht auf der Tatsache, dass sich in unser beider Terminkalender keine freier Platz mehr finden ließ. Nein, Corona und unsere Regierung gibt seinen Wählern seit fast einem Jahr die Bedingungen für unser soziales Miteinander vor. Ein persönliches Treffen war uns einfach im Lockdown von Dezember bis jetzt Ende Februar nicht gestattet.

Heute bot sich nach langer Zeit endlich einmal eine Gelegenheit für ein Wiedersehen, da ich einen Arzttermin auf der anderen Rheinseite -im „Veedel“, wie der Kölner sagt- meiner Cousine hatte. Da bot es sich an, ein Wiedersehensversuch zu starten.

Wir hatten tags zuvor vereinbart nach dem Arzttermin miteinander zu telefonieren, um konkret zu schauen, ob ein Treffen möglich wäre. Durch die sich verändernden Corona Regeln und konkreten Bestimmungen, wie viele Menschen aus wie vielen Haushalten sich aktuell treffen dürfen, war uns ein Treffen lange Zeit verwehrt. Corona betrifft auch die für mich überlebenswichtigen sozialen Kontakte. Spontane Treffen, wie sie bislang in meinen engsten Freundeskreis möglich waren, verbieten die jeweils bestehenden Corona Regeln. Vor einer Verabredung müssen die aktuellen Regeln genau studiert werden, die für die jeweiligen Menschen gelten, erst dann kann man überlegen, ob ein Kontakt überhaupt erlaubt ist. Früher war ich einfach spontan zu meiner Cousine gegangen, hatte geklingelt und in die Gegensprechanlage gefragt, ob mein Besuch passe. Und meist passte er und löste freudige Überraschung und Wiedersehensfreude aus. Wie oft hatten wir eine gute Zeit mit tiefgehenden, offenen Gesprächen verbracht und hatten uns gestärkt, glücklich und dankbar voneinander verabschiedet. Immer in der Zuversicht, das nächste spontane Treffen wird kommen.

Seit Corona sind Spontaneität und soziale Kontakte bürokratischen Regeln und Zwängen gewichen. Immer öfter wird mir bewusst, wie selbstverständlich mein Leben mit all seinen Möglichkeiten vor Corona für mich war. Heute darf ich dank Corona erkennen, dass nichts im Leben selbstverständlich, sondern immer ein Privileg ist. Seit der Pandemie empfinde ich mehr Dankbarkeit für alles, was möglich ist.

Heute also habe ich mein „Wolkenkuckucksheim“, meine sicheres Heim verlassen und mich in den Alltag unter Menschen begeben. Wie ein Wolkenkuckucksheim kommt mir meine Wohnung mit Arbeitsplatz vor, in der ich seit fast einem Jahr allein ohne Kollegen im Homeoffice arbeite. Da wird man wirklichkeitsfremd, bekommt von der Stimmung „draußen“ wenig mit. Zudem ich mich vom Medienkonsum über TV seit Monaten bewusst getrennt hatte.

Weit weg ist der persönlicher Austausch im Kollegenkreis und das Teilhaben am Privaten, das im Büro selbstverständlich war. Seiten einem Jahr halten wir uns einmal pro Woche über Videokonferenz über die Projekte und unsere aktuelle Tätigkeit in der Abteilung auf dem Laufenden. Da fällt Persönliches weg. Ich kenne die Gesichter meiner Kollegen und Kolleginnen nur noch als kleine quadratische Bilder auf dem PC, kann nur erahnen, wie es ihnen geht. Alles Persönliche zwischen uns, dass sich im Büro immer zwangsläufig ergeben hatte, die Teepausen, die kurzen Plausche, all das gibt es nicht mehr. Mir fällt zunehmend mehr auf, wie selbstverständlich das alles für mich war.

In meinem Wolkenkuckucksheim bestimme ich, welche Gedanken, Energie, Träume, Stimmung herrschen. Wenn ich mein Heim verlasse, verlasse ich auch meinen Schutzraum. Ich bin dann den Energien, Stimmungen und Sorgen meiner Mitmenschen ausgesetzt und fühle mich oft hilflos und traurig. Das Corona bedingte Arbeiten im Homeoffice hat Vorteile, z.B. dass ich meine Zeit frei einteilen kann, bedeutet jedoch auch, dass ich weniger unter Menschen, Freunden oder Nachbarn bin und seltener kommuniziere als früher.

Seit fast einem Jahr sind wir nun unter Androhung von Strafen verpflichtet Masken zu tragen. Bis dahin hielt ich mich für eine unbescholtene Bürgerin, die keine Strafen seitens der Ordnungsbehörden zu befürchten hat. Das hat sich seit Corona sehr geändert. Oft vergesse ich die Regeln des neuen Lebens schlichtweg, und muss beispielsweise zurück laufen, da ich die Maske vergessen habe. Die Maske gehört für mich selbst nach einem Jahr, da ich mich wenig draußen aufhalte, noch immer nicht selbstverständlich zu meinem Leben. Zudem ruft die Maske ein beängstigendes Beklemmungs- und Erstickungsgefühl bei mir hervor.

An der Haltestelle stehen alle ordnungsgemäß den Mund-Nasenschutz tragend. Dies erinnert mich daran, wie sich das Leben seit einem Jahr verändert hat. In der Bahn sitzt man nun – mittlerweile mit OP oder FFP2 Maske weit voneinander entfernt. Viele Menschen wirken in sich gekehrt, bedrückt und es ist noch leiser in der Straßenbahn geworden.

Auch bei meiner Ärztin hat sich seit dem letzten Besuch vor einem halben Jahr vieles verändert. Das Arzthelfer-Team scheint neu zu sein. Die mir vertrauten Gesichter fehlen. Ich werde in ein leeres Wartezimmer gebeten. Früher saßen hier immer mindestens 6-8 Frauen. Oft ergab sich ein Gespräch, man tröstete sich gegenseitig oder machte sich Hoffnung. Heute ist es still, leer, kalt und ungewohnt.

Der Bücher-Austausch Korb, aus dem man sich immer kostenlos Bücher mitnehmen durfte und in dem ich schon tolle Bücher gefunden hatte, wurde aus Hygienemaßnahmen abgeschafft. Das Wartezimmer ist heute Morgen kühl und leer. Das Fenster steht trotz der kühlen Temperaturen auf, denn seit der Pandemie gibt es Schutzvorschriften zum Lüften von geschlossenen Räumen. Ich warte also in voller Montur, mit Mantel, Maske und Mütze bis die Ärztin mich aufruft.

Gott sei Dank, ist sie so warmherzig und empathisch wie immer. Doch die Stimmung ist auch in der Praxis bedrückt und resigniert. Meine Ärztin berichtet von der Überbelastung der Arzthelferinnen aufgrund von massiver Mehrarbeit durch Corona und die Hygienevorschriften, wodurch die Krankheitsrate im Team zunehme. Die durch die fehlenden Mitarbeiterinnen auftretende Mehrarbeit fangen die Gesunden auf, die dann ebenfalls irgendwann krank würden. Es ist ein Teufelskreislauf. Die Stimmung in der Praxis spiegelt dies wider.

Unser Gespräch ist wie immer sehr persönlich und tut mir gut. Unser Arzt-Patientinnen Verhältnis hat sich seit Corona gewandelt. Wir begegnen und mit unserem menschlichen Gesicht, haben die Arzt- und Patientenrolle abgelegt und sprechen von Mensch zu Mensch. Endlich einmal traue ich mich, auch meine Ärztin zu fragen, wie es ihr denn geht. Die vorgeschriebenen Rollen, das durch Strukturen festgelegte Miteinander bröckeln glücklicherweise. Ich finde unser Gespräch sehr angenehm und viel offener als vor Corona. Die Untersuchungen fallen alle gut aus. Erleichtert verlasse ich die Praxis und rufe meine Cousine an.

Wir treffen uns in ihrem Büro, das sich ganz in der Nähe der Arztpraxis befindet. Endlich sehe ich auch ihren Sohn nach fast einem Jahr wieder. Aus dem Kleinkind ist ein Junge geworden. Ich empfinde Corona auch als Zeitbeschleuniger, manchmal als Zeiträuber.

Das Vertrauen zwischen uns Cousinen Freundinnen ist sofort wieder da und doch hat sich etwas verändert. Mittlerweile fragt man sich auch unter Freunden, ob man eine Umarmung erlaubt wird. Das was vor Corona selbstverständlich und wärmend war, wie zum Beispiel eine herzliche Umarmung und Wiedersehensfreude, ist unsicherer Zurückhaltung gewichen. Langsam tastet man sich mit Worten heran, versucht herauszulesen, wie groß die Angst vor Ansteckung beim anderen ist, bevor man sich traut zu fragen, ob man den anderen umarmen darf.

Seit Corona ist der Mensch ist zum potenziellen Feind geworden, zum Ansteckungsfeind, der schlimmstenfalls eine schwere Erkrankung oder einen Aufenthalt auf der Intensivstation heraufbeschwören kann. Ich finde dies nicht menschenwürdig. Es tut mir weh. Das Vertrauen ineinander wird zutiefst untergraben und die Menschen verunsichert. Angst herrscht unter den Menschen. Infektionszahlen und Todesfälle im Zusammenhang mit Corona werden uns täglich von den Medien ungefragt vermittelt. Wir werden mit Zahlen bombardiert und der Tod ist sichtbar geworden, ist näher gerückt. Die Angst bringt die Menschen auseinander. Viele Treffen wurden aus Angst auch in meinem Bekanntenkreis abgesagt.

So tasten auch wir uns langsam heran, beginnen mit einem allgemeinen Gespräch, ehe es ans „Eingemachte“ geht. An die Dinge, die ganz aktuell unser Leben bestimmen. Persönliche Themen, bei denen Vertrauen und Offenheit die Grundlage bilden, wie bevorstehende Abschiede, Krankheitsfälle und andere Veränderungen. Vor Corona ging es immer sofort um die lebenswichtigen Themen in unseren Leben. Corona verändert so vieles.

Unser Treffen ist kurz, da mein kleiner Großcousin seine Mittagsruhe braucht und gerade noch einmal voll aufdreht, ehe er sich Ruhe gönnen kann. Wir verabschieden uns und sind froh, uns wenigstens noch einmal kurz gesehen zu haben.

Wir wissen nicht, wann und vor allem wo wir uns wiedersehen dürfen. Wir sind seit Monaten in Abwartestellung, welche neuen Regeln, Schutzmaßnahmen, Vorschriften diesmal beschlossen werden. Sie bestimmen den Zeitpunkt und Ort des Wiedersehens unter Familienmitgliedern, die soziale Nähe und unser Vertrauen untereinander. Sie haben Einfluss auf unsere Freiheit, besonders auf unsere Bewegungsfreiheit, unser gesundheitserhaltendes Bewegungsverhalten und den Sport, unser gegenseitiges Unterstützen und Helfen. So stand der heutige Morgen auch wieder einmal unter Corona-Bedingungen.

Und gleichzeitig fördert Corona meine Kreativität. Immer häufiger kommen mir spontane, ungeahnte Ideen, die ein soziales Miteinander, gegenseitiges Erfreuen und Zusammenhalt ermöglichen. Möge diese Quelle nie versiegen.