Daniela, 49 Jahre, Physiotherapeutin,, wohnhaft in einem kleinen Ort im Südwesten Deutschlands

Corona betrifft mein Leben, zum Beispiel…

…beim Singen.

Ich singe in einem kleinen Chor, der hauptsächlich Gottesdienste musikalisch begleitet. Im vergangenen Jahr, bei der letzten erlaubten Probe für einen Gottesdienst, der für die Erstkommunionkinder Auftakt der Vorbereitung sein sollte, hatte eine unserer Sängerinnen gefehlt, weil sie mit Bauchschmerzen im Krankenhaus war. Nach der Probe haben wir natürlich darüber gesprochen und waren zwar bange, aber trotzdem sicher, dass nichts Schlimmes sein würde.

Tags darauf erreichte mich eine Nachricht meiner Schwester, die ebenfalls im Chor singt und noch dazu mit der Sängerin sehr eng befreundet ist.
In der Nachricht war nur zu lesen: „…es ist Bauchspeicheldrüsenkrebs, schon Metastasen in der Leber…“ Obwohl kein Name dabeistand, wußte ich sofort, um wen es sich handelte.

Dieser Schock saß tief.
Ausgerechnet die Bauchspeicheldrüse.
Die heimtückischste und tödlichste aller Krebsdiagnosen.

Sofort gingen meine Gedanken zur achtjährigen Tochter und dem Ehemann, der in unserer kleinen Sangesgemeinschaft auch mitwirkt.

Das nächste, was wir von unserer kranken Mitsängerin erfahren haben, war ihr sehnlicher Wunsch, noch so oft wie möglich mit uns zu singen.

Dann kam der erste Lockdown.
Die Erstkommunionsfeiern wurden verschoben. Auf unbestimmte Zeit. Die Gottesdienste wurden ausgesetzt und Proben durften nicht mehr stattfinden. Wir waren so hilflos. Wir wollten ihr gern ihren Wunsch erfüllen, und konnten nicht.Als die ersten Lockerungen kamen, und die ersten Gottesdienste wieder stattfinden durften, haben wir sehr viele Gesangsengagements angenommen. Alles was coronakonform möglich war. Wir haben mit Maßband und Klebeband unsere Abstände markiert, Mikrofone mit Plastikfolie umwickelt, und mit ihr zusammen gesungen. Wir haben uns schöne Masken mit dem Choremblem anfertigen lassen, und gesungen. Wir haben uns mit den ständig wechselnden Vorschriften und so vielen Widrigkeiten der Pandemie auseinandergesetzt, und gesungen. Wir haben wundervolle neue Lieder geprobt. Die großen Abstände waren anfangs sehr gewöhnungsbedürftig, aber mittlerweile ist das Routine geworden. Mit den Verantwortlichen, die von Wunsch und Erkrankung in Kenntnis gesetzt wurden, haben sich wundervolle Lösungen gefunden.

Eine Andacht fand im Freien statt, wir durften vom Balkon des Pfarrhauses singen, sodass auch alle Nachbarn vor ihren Haustüren und an den geöffneten Fenstern teilnehmen konnten.
Ein Auftritt in der Vorweihnachtszeit in der dunklen, nur von Kerzen beleuchteten Kirche war besonders stimmungsvoll.

Ich glaube fast, wir hätten ohne Corona diese Erlebnisse auch gehabt, aber niemals so intensiv und so innig. Unser Zusammengehörigkeitsgefühl ist ins Unermessliche gestiegen, was sich auch in der Art unseres Gesangs niederschlägt. Wir erleben ein neues Gefühl der Gemeinschaft, das uns unfassbar gut tut.

Wir hätten vielleicht ohne Pandemie noch öfter geprobt, noch öfter gesungen. Aber was wir auf jeden Fall getan hätten und tun würden – wir hätten uns das ein- oder andere Mal in die Arme genommen.

Wie sehr wir uns danach sehnen.

Bei allen schönen Begebenheiten, die sich ereignet haben, ist es hauptsächlich die fehlende Möglichkeit, sich in gewohnter Weise zu treffen. Es fehlen die kleinen Zusammenkünfte mit Kaffee und Kuchen, oder der gemeinsame Grillabend. Gesten und körperliche Zuwendung, die wir uns durch Masken und Abstand nicht schenken dürfen, fehlen uns zur Bewältigung.

Weiterhin versuchen wir aber unserer Mitsängerin jede sich bietende Gelegenheit zum Singen zu ermöglichen, und hoffen nach jedem Auftritt, darauf, dass es nicht unser letzter gemeinsamer gewesen sein möge.