Karla, 37, Single mit angeschlagener Gesundheit, im Rheinland an der holländischen Grenze lebend

Corona ist immer mit dabei

Corona ist immer mit dabei. Im Februar im vergangenen Jahr da hatten wir noch keine Angst und keine Masken. Corona gab es in der Tagesschau, vereinzelte Fälle in Deutschland. Im Februar im vergangenen Jahr feierten wir noch Karneval und ein Corona-Mottowagen war auch dabei.

Corona ist immer mit dabei. Auf einmal war die Angst vor Corona ganz nah, als ich im März, eine Woche nach meinem Geburtstag, mit 40°C Fieber und heftigstem Husten im Bett lag. Ich war doch nirgendwo … doch, halt, im Sportgeschäft. Aber in der ganzen Stadt gab es bis dahin nur einen bekannten Fall. Wie hoch sollte die Wahrscheinlichkeit da schon sein, sich ausgerechnet dort angesteckt zu haben? Getestet wird bislang nur in Ausnahmefällen.

Corona ist immer mit dabei – ich durfte nicht mit rein, als meine Mutter nach der gleichen Grippe zum Lungen CT ins Krankenhaus musste. Corona war nicht mehr nur in der Tagesschau, Corona stand als Schleuse mit Bundeswehrzelt vorm Krankenhaus. Abstand halten, Fiebermessen, Formular ausfüllen, Corona ist jetzt überall.

Corona ist immer mit dabei. Jetzt kaufen wir mit Maske ein, fahren zu entlegensten Hofläden um Menschenmengen zu meiden. Die Angst fährt immer mit. Manchen Menschen scheinen die Masken eine Art Sicherheit, manchen scheinbar geradezu Gefühle der Unverwundbarkeit zu geben. Abstände verringern sich. Die Abstandslosigkeit macht mich aggressiv, genau wie all die Menschen, die immer noch glauben, Corona wäre nur ein Mythos, ein Fake, mit dem eine unbekannte Macht ihr Unwesen treibt. Meine Oma besuchen wir nur noch im notwendigen Maß, mit Maske und auf Abstand. Umarmungen, das war einmal. In meiner Familie sind Menschen aus den sogenannten besonders vulnerablen Gruppen, ich selbst rechne mir bei meiner Gesundheit auch eher einen katastrophalen Verlauf aus, ich isoliere mich so gut ich kann.

Corona ist immer mit dabei – ins Krankenhaus muss ich nach Pfingsten allein, als nach dem ersten Lockdown die verschobene OP nachgeholt wird. Maskenpflicht, aber keine Corona Tests. Ein Radiologe erklärt mir im Aufklärungsgespräch, die Trefferquote einer Corona-Diagnose per Lungen CT läge nach ihrer Erfahrung nur bei 50%. Hatten wir im März vielleicht doch schon Corona? Wieder keine Sicherheit. Kein Besuch, aber weiterhin im Zweibettzimmer. Als ich entlassen werde, muss ich mein Gepäck und mich selbst bis zum Parkplatz schaffen. Sonst hat mich mein Vater immer auf dem Zimmer abgeholt. Und trotzdem, verglichen mit 2021, erschien da noch alles so einfach, als könnten eine bunte Stoffmaske, Abstand und eine Menge Desinfektionsmittel unser gewohntes Leben aufrechterhalten. Der erste Lockdown liegt schon hinter uns und ob im Herbst wirklich die zweite Welle kommt, na, das wollen wir doch erstmal sehen.

Corona ist immer mit dabei, auch im Juli noch, als ich in die Reha fahre. Täglich wird Fieber gemessen, überall Maske getragen, im Schwimmbad bei kaum Abstand nicht, aber in der großen Turnhalle mit acht Personen wohl. Draußen kann man eng zusammensitzen, da sagt keiner was. Restaurant- und Cocktailbarbesuch, gerade so, als wenn nichts war. Ob Corona uns belaste, auch zuvor im Lockdown, fragt die Therapeutin. Ich überlege, nein, eigentlich nicht. Wenn ich es mir recht überlege, ist nun endlich das Leben aller genauso scheißlangweilig wie meins schon vorher war. Die Fallzahlen sind niedrig und an Corona haben wir uns gewöhnt. Ich fühle fast ein Stück entlastet. Niemand stellt mir mehr die Frage, was ich vorhätte, am Wochenende wie generell, oder ob ich gar in den Urlaub fliegen wollte. Der Kontakt zu Freunden findet nur noch virtuell statt, so wie vorher schon. Aber es dünnt sich immer weiter aus. Anfangs, als die Angst uns alle kalt erwischt hat, war manch einer ungewohnt gesprächig, alle hatten das Bedürfnis, sich gegenseitig Mut zu machen, abzuwiegeln, so schlimm wird es hier für uns schon nicht kommen. Jetzt ist die Angst schon bei vielen passe, keiner erlebt war, worüber also noch austauschen.

Corona ist immer mit dabei, und im Sommer merkt man’s kaum. Viele Leute verreisen trotzdem, sogar in die Hotspots, Hauptsache Sonne und feiern sagen die Interviewten in den Magazinen und der Tagesschau. Feiern, dass ließen sie sich nicht verbieten, sie wären schließlich nur einmal jung.
Aber Corona ist immer mit dabei, auch im Rückflugreisegepäck. Die Zahlen steigen und steigen. Erneut wird der Lockdown diskutiert. Ich bin wütend auf diese Egomanen und die feige Politik. Grenzen dicht und Reiseverbot, das hätte vielleicht geholfen. Stattdessen ist die Rückkehr zur Normalität in immer weitere Ferne gerückt. Ich bin Corona-müde. Seit Jahresbeginn keine Tagesschau ohne aktuelle Zahlen, Infizierte, Tote, Genesene. Jede Woche eine neue Studie. Ich mag nicht mehr. Und dabei haben wir es noch gut, zu dritt im eigenen Haus mit Garten und Terrasse, wir können raus. Wohnen auf dem Land kannst du jetzt noch weitestgehend unbehelligt.

Corona ist immer mit dabei als ich im September mit schwerer Hirnhautentzündung im Krankenhaus liege. Hier wurde ich zum ersten Mal auf Corona getestet. Negativ.
Aber es heißt weiterhin: Corona, ein Besucher eine Stunde am Tag pro Patienten. Obwohl immer OP-Masken auf dem Nachttisch neben mir liegen, ertappe ich mich regelmäßig schon auf dem Flur vor dem Aufzug ohne Maske. Mit dem Rollator wieder zurück zum Zimmer, das fühlt sich wie eine halbe Weltreise an. Mein Hirn ist Matsch, ich kann mir nichts merken, vor allem Maske tragen nicht. Und im Sommer habe ich mich in der Reha noch gewundert, wie Leute dort es immer wieder schafften, ohne Maske durchs Gebäude zu stiefeln, so war es einem bis dahin doch schon in Fleisch und Blut übergegangen.

Corona ist immer mit dabei. Als ich im Dezember noch einmal zur Reha fahre, ist schon wieder Lockdown. “Light”, wie es später heißt. Corona Test und Quarantäne, vorher läuft man aber noch quer durchs halbe Haus. Nach ein paar Stunden – Erleichterung, man darf wieder raus.
Trotz Test herrscht weiter Maskenpflicht, egal ob beim Sport oder anderswo. Jeden Tag gibt’s auf der Station eine frische Maske. Verlassen der Klinik ist nach Möglichkeit zu unterlassen. Spieleabende sind gestrichen, geselliges Beisammensein fällt genauso aus, wie im Sommer schon. Ich fühle mich um mein Reha-Erleben betrogen wie früher schon ums Studentenleben. Damals die falschen Hochschulen, jetzt die falsche Zeit und die falschen Umstände. Wann bin ich mal an der Reihe?

Corona ist immer mit dabei, auch in der Liebe. In der Klinik ists geschehen, ich habe mich verknallt. Es rascheln die Masken, wenn wir die Köpfe zusammenstecken, heimlich nur, wenn’s keiner sieht. Wenn keiner guckt, schnell die Maske zum Kuss heruntergezerrt. Aber mit der Reha ist er aus, der schöne Traum – aus den Augen aus dem Sinn. Die Reha-Blase platzt, der Alltag erdrückt das zarte Liebesglück im Nu.

Corona ist immer mit dabei, erstickt neue Freundschaften im Keim. Alle ziehen sich zurück. In der Tagesschau im Tagesrückblick beherrschen jetzt Meldungen von den Mutanten das Bild. Noch mehr Lockdown geht nicht mehr. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr.

Ob Corona mich belastet? Ja. Inzwischen ist die Luft ganz raus. Besserungen sind keine in Sicht. Lockdown light, Lockdown hart, mancherorts nächtliche Ausgangssperren. Jede Woche wird ein neuer Inzidenzwert angestrebt.

Ich habe zurzeit keinen Job, bin dabei, mich neu zu orientieren. Ich weiß nicht, was noch kommt, wird ein Leben noch mal möglich ohne Restriktionen? War ich beim ersten Lockdown noch gut zur Ruhe gekommen, überwiegen inzwischen die Gefühle von Einsamkeit und Abgeschnittensein. Immer mehr Ratlosigkeit macht sich breit.

Corona ist immer mit dabei – es scheint, gekommen um zu bleiben.