Genau das ist der Satz, der heute stimmig ist. Der passt. Der trifft.
Die Orientierungslosigkeit bringt mich um. Was bedeutet das? Was meine ich damit?
Der Satz musste raus. Etwa: Die Orientierungslosigkeit bringt mich um den Verstand – im Kontext mit Covid-19? Meine ich das?
Die Orientierungslosigkeit besetzt meine Gedanken. Mich nervt diese zeitlose Dimension; mich nervt das gefühlt Endlose; mich nervt diese Entmündigung. Mich nervt, dass man mir gesunden Menschenverstand und Verantwortungsbewusstsein nicht zutraut.
Geschlossene Museen, keine Konzerte, keine Reisen in die Berge, kein Espresso im Café, kein Treffen mit jemandem in Restaurants.
Ich vermisse all das und – meine Entscheidungsfreiheit! Und wenn es manchmal nur die Vision, die Vorstellung ist, ich könnte doch heute, morgen, übermorgen dies oder jenes machen… Spontaneität unbedingt mit einbegriffen.
Die Orientierungslosigkeit bringt mich um. Dieser Satz, so stimmig er sich anfühlt, macht mir Angst. Genau deswegen, weil er am meisten schwingt, habe ich ihn ausgewählt, um darüber zu schreiben, mich gegebenenfalls überraschen zu lassen…
Ich will aber leben. Mich nicht umbringen lassen. Sterben lassen. Wo ist die Nische? Wie kann ich gegensteuern? Was verbindet sich?
Um etwas bringen? Was kann ich holen? Bringen im Sinne von Hierher schaffen. Herbeischaffen. Herholen – zu mir.
Keine Leistung. Das meine ich nicht. Um die Ecke bringen?… ich verliere den Faden…
Coronatypische Nebenwirkung! Ich kann mich schwer erinnern. Manchmal weiß ich nicht, was ich gestern getan habe. Die Freude ist mir eh auf eine Art abhandengekommen. Zur Hand stattdessen: Pflichterfüllung. Und selbst das boykottiert etwas in mir.
Also noch einmal: Die Orientierungslosigkeit bringt mich um.
H. sagte neulich, es sei keine Zeit für Entscheidungen! Und Frau B. erzählt, sie habe noch nie zuvor in ihrer langjährigen Karriere erlebt, wie viele Menschen zu falschen Zeiten in ihre Praxis kommen. Sie hätten ihre Termine falsch notiert oder falsch im Kopf gespeichert. Eine falsche Zeit ist das. Also, das lässt sich konstatieren: auch anderen geht es wie mir.
Die Orientierungslosigkeit bringt mich um.
Es ist die Sorge, dass sich dieser Satz manifestiert. Dass ich ihn in Stein meißel‘ und er wahr wird.
Das ist das eigentliche Thema. Ich will nicht, dass er sich bewahrheitet. Ich will Corona nicht die Macht geben. Ich will diesem Gedanken nicht die Macht geben, dass er stimmt.
Aber etwas in mir fühlt ja so. Und wenn ich dem nicht zuhöre, ihn wahrnehme, was er mir sagen will, dann dreht sich das Gedankenkarussell weiter und gerät aus den Fugen.
Anker setzen. Halt suchen – durchaus wieder im doppelten Sinn des Wortes.
Wo in mir finde ich Halt als Kompass? Als Windböe und zu welchem Hafen soll es gehen?
Vielleicht ja gar nicht zu einem Hafen, sondern ins offene Meer? Aber bin ich segeltauglich?
Fragen über Fragen, bei denen ich mich frage, ob ich nicht wieder ablenke vom eigentliche Thema. Ich ringe um Antwort. Ich wünsche mir Halt. Ich liebe Freiheit. Ich brauche Inspiration. Ich würd‘ gern getröstet werden. Das Kind in mir will in den Arm genommen werden.
Ich will da raus aus der Orientierungslosigkeit, die mich lähmt. Was lähmt ich genau?
Lose Orientierung – das ist eine Idee. Klingt nach einer Aussicht für…
Also damit wäre ich ganz leise, ganz zart ausgerichtet auf etwas!
Ja, das könnte brauchbar sein. Denn lose heißt freischwingend, noch nicht zielgerichtet, aber ein klein wenig orientiert. Ideen sammeln, die mir zeigen, dass ich nicht nur orientierungslos bin.
Ich fordere: Ehrlichkeit von der Politik. Ich fordere Transparenz, dass sie auch nichts Anderes machen als Kaffeesatzleserei. Medizin ist eine Erfahrungswissenschaft mit vielen unterschiedlichen glaubhaften Standpunkten und Blickwinkeln.
Der Unterschied ist aber, dass sie über mich, über uns verfügen. Das stößt mich ab. Das stößt an. Das ist anstößig. Ja, vielleicht sogar gefühlt auch dies.
Ich suche immer noch nach Lösung, Befreiung, die sich nicht einstellen will. Mein Anspruch ist, es, dass es aber gelingt. Es muss gelingen, höre ich eine sehr laute Stimme in mir. Ist das das Thema? Dass ich etwas will, dass ich etwas fordere von mir, dass ich mir zurzeit nicht geben kann? Ist es das? Ist es das wirklich?
Den Überblick über das, was ich bisher geschrieben habe, habe ich längst verloren. Und ich bin unsicher, ob ich nicht immer wieder und erneut ausweiche.
Ich versuch’s noch einmal und erlaube mir, mich überraschen zu lassen:
Ich wiederhole: Die Orientierungslosigkeit bringt ich um. Ich ahne, dass dieses Umbringen noch einen spannenden Bogen bereithält. Da hockt was. Da dockt was an. Um herum. Umdrehen. Andere Sichtweite zulassen. Etwas aus einer unbekannten Perspektive betrachten. Raus aus Komfort – rein ins Neuland.
Um die Ecke denken. Etwas aus der Nische holen. Und zum Vorschein bringen. Ins Licht stellen – rein ins Rampenlicht und schauen. Um mich bringen, kreisen, tanzen.
Auf dem Vulkan meiner Gefühle und ja. Ich bin orientierungsloser als sonst und Corona schwingt mit meiner Unsicherheit, Ungeduld und Unbändigkeit, meiner Forderung an mich selbst.