So ist das, dachte ich letztens:
Meine Tage sind lauter Nichtsnutze geworden. Taugenichtse.
Es kostet viel Nachdenken, Planen, Entschlüssefassen, um den Tag zu füllen. Um meine Stunden als eine Zeit für mich zu gestalten und nicht als ein getrennt von mir laufendes Zeitjogginguhrchen wahrzunehmen, ein weitab plätscherndes Bächlein.
Dankbarkeit kommt mir als nächstes in den Sinn. Über all die Ereignisse, Tätigkeiten, Erlebnisse, die in anderen Zeiten dem Tag mit Gesprächen, Beschäftigung, mit Zufriedenheit, Sinn (?) gegeben haben. Die wöchentlichen, liebgewonnenen Routinen. Das Musikmachen, Singen im Chor mit der großen Entspannung anschließend, dem freien Atem, der weiten Brust. Unser Austausch im Literaturkreis. Die Besuche der Kinder und Enkel, der Freunde.
All dies Punkte in meinem Leben, die zugleich Nehmen und Geben bedeuten. Eine Zufriedenheit mit sich bringen. Anregung. Lachen. Und Berühren von Menschen.
Nun fließt die Zeit ohne mich in ein großes Meer. Und ich? Ich müsste ein Floß werden, ein Boot, eine Schwimmerin, eine Libelle (oh, das wäre schillernd und schön!), um mitten im Fluss zu sein, vereint mein Ich und meine Zeit.
Nach einer eher fruchtlosen Orientierungsphase dann das Nachdenken. Was kann ich mir erhalten, vielleicht in einer anderen Form? Kann ich etwas neu schaffen für mich oder finden?
Das Detail, das mir sofort einfällt, sind die Literarischen Lesungen, die ich online ohne irgendeinen Aufwand mit oder ohne Maske hören kann. Ebenso wie Konzerte in schönsten Sälen vor leeren Stuhlreihen. Ich entdecke interessante, künstlerisch aufbereitete Museumsbesuche im Netz.
Ich telefoniere mit Freundinnen, Nachbarn, mit der Familie, um wenigstens über die Stimme nah zu sein. Zu hören, wie es geht. Mich vielleicht mitzufreuen an ihren Freuden, ihrem Lachen. Trost zu sprechen gegen Kummer – und dabei sofort empfinden: ich möchte dich in den Arm nehmen. – Und die Lücke ist zu spüren, die Corona und der Abstand voneinander in mein Leben gerissen hat.
Manchmal habe auch ich etwas zu erzählen aus meinem begrenzten Bewegungsradius. Kein Vergleich zu früher. Es sind Winzigkeiten, die nun Raum nehmen und geben. Der tägliche sportliche Gang, unsere kleine Natur am Rand eines Gewerbegebietes. Der Fasan, wir haben den Fasan stolzieren sehen! Herden von Krähen. Enten auf dem Teich. Ein Graureiher und ein Silberreiher an den Rändern.
Unterwegs spielende Kinder. Und zu Hause? Es gibt Gehölze in Kübeln. Kaum Vögel hier, aber an den Schnee- und Eistagen bekamen die Kohlmeisen Gesellschaft an der Futterstelle. Blaumeisen. Eine Schwanzmeise, so lange nicht gesehen! Streitsüchtige Amseln. Das zierliche Rotkehlchen.
Es mag jeden Tag dasselbe sein, aber die Freude wenigstens ist jeden Tag neu! Die Enkel winken ab, langweilig. Wir können uns inzwischen via Skype beim Sprechen sehen. Und sie erzählen Witziges aus ihren Tagen. Wieder ist da der Verlust der Nähe! Ich möchte sie in den Arm nehmen. Drücken. Küssen. Wenn ich darf. Sie kommen allmählich in das Alter …
Ich möchte wieder eine Demenzpatientin betreuen, ihr ein wenig Freude schenken. Und Hilfe sein der Familie. Anderen etwas geben. Dies Nichts-Gutes-Tun-Können ist bitter. Sucht sich kleine Auswege. Wir schicken den Enkeln ein Paket. Mit Kochzutaten. Sie kochen so gerne, hatte die Tochter berichtet. Jeder bekommt ein Kinderkochbuch. Am folgenden Tag schicken sie Fotos über dies willige WhatsApp, von leicht dunklen selbstgebackenen Donuts. Vom Nudelsalat mit Fleischwurstherzen. Bei dem meine Weihnachtsausstechförmchen eine neue Aufgabe gefunden haben.
Ich schreibe Mailbriefe. Und tatsächlich auch – außer sonst nur zu Weihnachten – handgeschriebene Post. Ich habe doch gar nichts zu erzählen, denke ich.
Es stimmt nicht, bin ich einmal beim Schreiben, fällt mir etwas ein und die Wörter geben sich die Hand. Ich schreibe, bis die Menschsehnsucht ein wenig befriedet ist.
Die Dankbarkeit. Wie bewusst mir wird, was Menschen, Sonne, Vögel mir geben, Singen, Lesen. Nebeneinander sitzen, wie gut es tut, dass ich nicht allein bin. Mein Mann und ich sind froh über jede Stunde Zusammensein. Sogar über die, die ungefüllt scheinen. Wo er vor sich hin in die Gegend schaut, zu Häusern und in den Himmel, und denkt. Denkt. Oder ich dann doch ein Buch nehme. Wir sagen uns tatsächlich (ohne Augenzwinkern oder gekreuzte Finger hinterm Rücken) jeden Tag, jeden, wie glücklich wir sind, froh, zu zweien zu sein. Nicht allein als Single oder alleinstehende Alte solche Durststrecken durchstehen zu müssen. Denken an Menschen in Kriegsgebieten, in Verstecken, Lagern und auf der Flucht. Krieg, Hunger, Durst, die großen Feinde. Unser Feind ist ein winziges Virus. Mit großem möglichen Gefolge an Leid und Tod.