Corona hat auf die Bremse getreten, die Pausetaste gedrückt und das Hamsterrad angehalten. Corona hat mir Zeit geschenkt. Wenn ich darüber nachdenke, kommt es mir immer noch unwirklich vor. Vor ungefähr genau einem Jahr verließ ich an einem Samstagmorgen den Frühstückssaal der wunderschönen Villa am Havelufer, wo ich mit meinem kleinen Frauenchor das Wochenende verbrachte. Mir war alles zu viel. Ich brauchte Luft und etwas Ruhe, um einen klaren Kopf zu bekommen. Mein Spaziergang führte mich durch den Garten ans Havelufer, das sich winterlich braun-beige-grau ans Wasser schmiegte. Ich find mich wieder in dieser winterlichen Farblosigkeit und in mir stieg die schneidende Gewissheit auf, dass es so nicht weitergehen konnte.
Mir fehlte Zeit. Die Wochenenden waren immer zu kurz. Abends nach 15 oder 16 Stunden durchgehendem Einsatz fiel ich ins Bett gleich nachdem meine letzte Pflicht erledigt war. Die Tage verstrichen mit Kind, Schule, Arbeit und Haushalt, ohne dass ich mich darin wiedergefunden hätte. Wo war mein Leben?, fragte ich mich. Wo war ich darin geblieben? Ich musste etwas ändern und mir Zeit verschaffen, um wieder zurückzufinden zu mir, zu meinem Kern, zu meiner Lebensfreude und Liebe jenseits des reinen Funktionierens. Ich spürte, dass die Geschwindigkeit da draußen mich längst überholt hatte und ich in einer ständigen Atemlosigkeit hinterher hechelte.
Also begann ich zu rechnen und zu kalkulieren, wie viele freie Stunden pro Woche ich mir leisten können würde. Ich rechnete in einzelnen Stunden. Jede davon war mir ein kostbarer Boden, ein Geschenk, das ich mir selbst machen konnte, um mich selbst darin einzusetzen und zu hegen, auf dass eine Blume daraus erwachsen möge. Mehr Zeit, das würde mir wieder Luft verschaffen. Diesen Plan nahm ich mit zurück in die Havelvilla und in die längst begonnene Probe. Zu dieser Zeit, Ende Februar 2020, war das Ausmaß der bevorstehenden Coronazeit noch unvorstellbar.
Zweieinhalb Wochen später begann der erste Lockdown. In dieser unwirklichen Situation voller Ungewissheit und Angst erkannte ich ein Geschenk wieder. Plötzlich waren wir beide, meine kleine Tochter und ich, zuhause. Keine Schul- und Arbeitswege mehr, ein reduziertes Arbeitspensum für uns beide machte jeden Tag plötzlich um Stunden länger. Alle Alltagsaktivitäten fielen weg. Es war als hätte jemand die Zeit angehalten. Als hätte jemand mein Hamsterrad zu stehen gebracht. Auch wenn um mich herum, die Panik einer Pandemie tobte, die Nachrichten sich überschlugen und die ganze Welt im Takt dieser Bedrohung schlug. In unserem Zuhause kehrte Ruhe ein. Mit jedem Tag ein Stückchen mehr.