Corona betrifft mein Leben, weil es mir ständig Entscheidungen abverlangt.
Ich entscheide mich, nur begrenzt Nachrichten zu dem Thema aufzunehmen. Das ist noch einfach. Ich entscheide mich, die kollektiven Ängste von mir fernzuhalten. Das kostet schon viel Energie. Ich entscheide mich, die eine oder andere Zahl nachzurechnen bzw. ins Verhältnis zu setzen, um mit dem Verstand meine eigenen Ängste in Schach zu halten. Ich entscheide mich, den Kontakt zu Freundinnen auf Distanz zu pflegen. Das kann ich nur aushalten mit dem Liebsten an meiner Seite.
Ich entscheide mich, täglich walken zu gehen, weil ich auf die Gymnastik verzichten muss. Ich entscheide mich, Maske zu tragen, weil es gefordert wird und ich bereit bin, zur Eindämmung der Pandemie beizutragen. Ich entscheide mich, laut zu sagen, dass die Politik sich nur einseitig beraten lässt, mit Panikmache operiert und die Kollateralschäden bisher weitgehend ignoriert hat. Ich entscheide mich, meine Meinung nicht weiter zu vertreten, wenn ich Widerstand erfahre. Gegen Angst helfen keine Argumente.
So viele Entscheidungen, die ich rational fälle. Aber es gibt auch Herzens-Entscheidungen: Wir gehen meine Lieblings-Schwägerin im Pflegeheim besuchen. Zu Anfang sind wir das Risiko eingegangen, weil wir auf dem Land sehr abgeschieden leben und uns Corona eher aus dem Heim geholt als reingebracht hätten. Dann hat das Heim Tests für Besucher eingeführt, und inzwischen sind die Bewohner alle geimpft. Der Test ist unangenehm, aber das Ansteckungsrisiko ist minimiert, und die Freude der Schwägerin ist es allemal wert.
Vor kurzem kam noch eine dritte Entscheidungs-Kategorie dazu: Meine Intuition. Ich bin als ehrenamtliche Mitarbeiterin in einem Ambulanten Hospizdienst tätig. Wir besuchen Schwerstkranke und Sterbende in ihrer eigenen Wohnung und tragen dazu bei, dass sie bis zuletzt in vertrauter Umgebung bleiben können. Da wir also im weiteren Sinne zu den Pflegepersonen gehören, bekamen die Hospizdienste von der Stadt die Einladung zum Impfen. Als mich unsere Koordinatorin anrief, ob ich daran interessiert sei, habe ich zuerst abgewunken. Ich bin jetzt keine ausgesprochene Impfgegnerin, aber ich schlage mich auch nicht darum. Im Nachgang zum Telefonat mit der Koordinatorin bemerkte ich allerdings ein zunehmendes Grummeln im Bauch und spürte, dass es mir mit dieser Entscheidung nicht gut ging. Am nächsten Tag habe ich Bescheid gegeben, dass ich das Angebot doch annehmen möchte. Und siehe da, in meinem Innern ward Frieden.
Corona betrifft mein Leben also nicht nur, weil es mich zum Verzicht auf viele schöne Ereignisse und Begegnungen zwingt, sondern auch, weil es mir ständig Entscheidungen abverlangt. Wenn ich mir jetzt ansehe, was ich alles dazu aufgelistet habe, bin ich sehr zufrieden mit mir. Ich bin dankbar, dass ich trotz der Einschränkungen so viel Bewegungsfreiheit genieße. Und ich bin froh, eine Haltung gegenüber Corona gefunden zu haben. Ich hoffe, dass mich Kopf, Herz und Intuition auch weiter durch die „Viren-Wogen“-Zeiten tragen werden.