Nun bin ich mir meine Therapeutin.
Vor fast genau einem Jahr hatte ich meinen letzten Arbeitstag im Krankenhaus. Ich war so gerne dort. Ich mochte die Arbeit mit den alten kranken Menschen. Sie schenkten mir ihr Vertrauen. Sie freuten sich über jede Unterstützung und waren dankbar. Ich hatte eine erfüllende Arbeit.
Ich mochte es, in der Früh auf die Station der Akutgeriatrie zu kommen. Ich fühlte mich zu Hause. Die meisten Patienten waren mehrere Wochen da, weil sie daheim im Alltag nicht mehr alleine zurechtkamen. Meistens war eine Akuterkrankung oder die Schwäche nach einer Operation dafür verantwortlich.
Meine Aufgabe war es, diese Menschen wieder für die alltäglichen Anforderungen fit zu machen, damit sie in ihre vertrauten vier Wände zurückkehren konnten. Manchmal war es schon ein Therapieerfolg, wenn es gelang, während eines langen Krankenhausaufenthaltes, ihre Muskelkraft zu erhalten.
Wenige Tage nach dem Abschied von meiner vertrauten Arbeitsstelle begann etwas, das ich zum damaligen Zeitpunkt als vorübergehende Störung meines normalen Lebens gesehen habe. Ich dachte, einige Wochen ohne Außenkontakte, vorwiegend im häuslichen Bereich verbringen und Familie und viel Zeit genießen zu dürfen und dann – organisiere ich mein Leben als ungeübte Pensionistin ganz neu. Doch ein Virus mischte sich ein und veränderte alle Pläne.
Ich besorgte einen Gutschein für ein kleines feines Wellnesshotel. Wenn dieser Corona Spuk vorbei ist, wollte ich mich dorthin zurückziehen, um einige Tage Einkehr zu halten. Doch – Corona hörte nicht auf!
Im Sommer erlebte ich manchmal, wie ein ziemlich unbekümmerter normaler Alltag aussehen könnte. Ich hatte die Zuversicht, dass Corona bald Vergangenheit sein wird. Im Umfeld gab es keine Covid-19 Erkrankten. An eine zweite Welle glaubte ich im Sommer nicht. Ich konnte sie mir überhaupt nicht vorstellen. Gemeinsam mit meinen Kindern und Enkeln unternahm ich zahlreiche Wanderungen und Ausflüge. Den Luxus der geöffneten gastronomischen Betriebe schätzten wir.
Ich war sicher, dass ich ald wieder meinen Lebenshunger nach Abwechslung und neuen Aufgaben und Abenteuern stillen werde können.
…. nun bin ich fast schon ein Jahr lang Pensionistin. Ich bin eine, die nur noch Wochenenden und Urlaub hat und ausreichend Zeit für Freizeitspaß. Ich habe aber auch Angst, dass meine kostbare Lebenszeit zu schnell verrinnt, weil ich häufig nur eine Wartende und Hoffende bin. Ich lebe im Zwiespalt zwischen Warten auf …… und dem Bestreben, der Zeit mit Corona, Inhalt zu schenken. Ich bemühe mich, ich raffe mich auf, ich zwinge mich, ich denke – dann mach ich, weil ich muss. Ich zwinge mich zum Tun, weil ich überleben will. Nein – ich will mit Freude und Zuversicht leben!
Wie sehr wünsche ich mir einen verständnisvollen und kompetenten Therapeuten, der empathisch mit mir durch diese herausfordernde Zeit geht. Wie sehr wünsche ich es mir und wie sehr würde ich in müden Zeiten einen solchen Therapeuten brauchen. Er lebt in der Vorstellung.
Ich muss mir selbst Therapeutin sein. Früher übte ich mit beeinträchtigten, schwachen, kranken Menschen, damit sie wieder selbständig oder mit Hilfsmittel gehen konnten. Ich kräftigte mit Ihnen die entsprechenden Muskeln, damit sie wieder sicher und selbständig ihren Alltag bewältigen konnten. Ich ermutigt sie, Neues auszuprobieren und Erlerntes zu festigen. Nun muss ich mir meine Therapeutin sein. Mit mir selbst verständnisvoll und geduldig umzugehen, ist schwerer, als für andere da zu sein.
Und doch sehne ich mich nach einem realen Therapeuten an meiner Seite, der mir Mut zuspricht, dass ich es schaffe, der mich motiviert, unleidliche lästige Übungen konsequent durchzuführen, um kräftiger und geschickter für die alltäglichen Anforderungen zu werden. Doch, ich muss mir selbst Therapeutin sein, die mich an der Hand nimmt, um aufzustehen und den ersten Schritt zu machen. Ich wünsche mir einen Therapeuten, der mir Sicherheit gibt, wenn ich unsicher bin, der mich stützt, wenn meine Kraft nachlässt, der mir vorausgeht, damit ich ihm folgen kann, weil ich ratlos bin. Ich muss und will mir die Therapeutin sein, die mich mobilisiert, um im Alltag ausreichend mobil zu sein, um wendig Hindernisse umgehen zu können.
Ich will mir die Therapeutin sein, die mein Gleichgewicht und meine Geschicklichkeit trainiert, damit ich nicht über jedes kleine Hindernis stolpere und damit mich kein Stein zum Stürzen bringt. Ich will mir selbst die Therapeutin sein, die meine Koordination und Feinmotorik trainiert, um für kleine motorische Anpassungen vorbereitet zu sein, damit ich mich an diesen Miniaufgaben nicht vorbeischwindle. Gerade diese winzigen Aufgaben verlangen oft besondere Anstrengungen, um nicht ständig weiterverschoben zu werden. Ich will mir die Therapeutin sein, die mich bestärkt und lobt, wenn ich etwas gut gemacht habe, wenn ich den Mut hatte, Neues auszuprobieren und zu trainieren. Ich will mir die Therapeutin sein, die stolz auf mich ist, weil ich mich nie aufgegeben habe.
Ich will mir die Therapeutin sein, die sich von Herzen mitfreut, dass ich wieder froh und glücklich auf meinem Lebensweg weiterschreiten oder hüpfen kann, auch wenn Steine im Weg liegen; die stolz auf mich ist, wenn ich geschickt übers schmale Brett balanciere, weil dies der einzige Weg über den Abgrund ist. Ich will mir die Therapeutin sein, die, wenn Corona uns endlich nicht mehr belastet, fröhlich sagt: „Das hast du sehr gut gemacht!“ Und ich werde mir meine eigene Wohlfühlstation geschaffen haben, wo ich mich ganz daheim fühle.