Brigitte aus NRW, 64, alleinlebend, Bibliotheksassistentin im Unruhestand, Reisefan und Hobbyfotografin, die auch gerne schreibt

Der rote Kugelschreiber

Ein weiterer Gegenstand, der in der Corona-Zeit eine besondere Bedeutung für mich hat, ist mein roter Kugelschreiber: im Set mit einem Füllhalter in einem Etui aus schwarzem weichen Nappaleder war er einst ein Geschenk meines Mannes. In vielen Tagebüchern habe ich ihm damit nach seinem Tod Briefe geschrieben, in denen ich ihm meine Trauer, meine Sorgen, Ängste und auch meine Wut über mein Alleinsein anvertraute. Die Tränen sind heute noch zwischen den Zeilen zu sehen. Alle Gefühle aus meinem Kopf und aus meinem Herzen zu schreiben hat mir geholfen über seinen Tod hinwegzukommen und ein neues Leben ohne ihn zu beginnen.

Schreiben ist schon lange eine meiner Leidenschaften. Schon als kleines Mädchen schrieb ich für die Geburtstagskinder aus unserer Familie gereimte Glückwünsche. In der Schule war mir der Deutschunterricht immer der Liebste und in meiner Freizeit schrieb ich Geschichten in dicke Kladden mit kariertem Papier und las sie meiner Schwester vor. Mein Traum war es, einmal eine große Schriftstellerin zu werden und viele Bücher zu schreiben, die ich heiß und innig liebte. Ich konnte stundenlang darin versinken und die Ideen eigener Geschichten sprudelten aus mir heraus wie die Quelle eines Baches, der dann seine Wege sucht.

Als ich älter wurde veränderten sich die Texte. Ich schrieb sachlicher: Pressemeldungen, Reiseberichte… zwischendurch auch Kurzgeschichten und Haiku. Dann kamen die Tagebücher und jetzt Corona… wieder ein unvorhersehbares Ereignis, das mein Leben von heute auf morgen auf den Kopf stellt. Entsetzt und verunsichert schaue ich aus meinen 4 Wänden auf die Veränderungen direkt vor meiner Haustür und in der ganzen Welt. Wie unterschiedlich gehen die Menschen mit den harten Einschränkungen um und was machen sie mit mir? Sind die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie sinnvoll oder nicht? Werde ich mich anstecken? Sind die Impfstoffe auf Dauer überhaupt wirksam? Wie wird das Leben nach Corona aussehen? Können wir den Virus überhaupt besiegen? Die Fragen graben in meinem Inneren ein tiefes schwarzes Loch.

Hatte ich früher unbeschwert just for fun geschrieben, wird mein roter Kugelschreiber nun wieder zu einem guten Freund, dem ich meine Sorgen und Nöte anvertrauen kann. Er bringt sie aus mir heraus auf das Papier. Ich verspüre Erleichterung indem ich Worte für meine Gefühle finde und sie mitteile. Mein Gegenüber – das Papier – nimmt alles geduldig an ohne zu widersprechen und das beruhigt mein aufgewühltes Inneres ein wenig.

Schreiben in Corona-Zeiten sortiert meinen Blick auf die Welt, ordnet Argumente und Gegenargumente ein, fügt neue Gedanken hinzu oder verwirft sie.

Ich schreibe darüber, wie ich diese Zeit erlebe und was sich ereignet, was ich vermisse, was ich mir wünsche. Ich schreibe auch, was ich an anderen beobachte und ob ich das gut finde oder nicht. Wie verhalte ich mich selber? Gibt es Veränderungen bei mir? Auch die Sorgen um Familienangehörige und Freunde finden auf dem Papier einen Platz.

Wer nun denkt, die Seiten sind gefüllt mit negativen Worten und dunkler Stimmung, der irrt. Mein roter Kugelschreiber berichtet auch über heitere Ereignisse oder über die kleinen erfreulichen Dinge des Lebens, die schon längst zur Gewohnheit und deshalb unsichtbar geworden sind: über einen Frühlingsspaziergang mit der Kamera durch die wärmende Sonne, über ein Telefongespräch mit einer Freundin, die ich lange nicht gesehen habe, über den Besuch in einem Gartencenter, das endlich wieder geöffnet hat, über einen Cappuccino mit einer Freundin in einem gemütlichen Altstadtcafè…

Jede Krise bietet auch die Chance auf einen neuen Anfang, man muss sie nur wahrnehmen.