…sind meine Schuhe
Diese Schuhe stehen für mich für Selbstbestimmung, Selbstermächtigung, Unabhängigkeit und Freiheit. Die Freiheit des Gehens: Fortgehen, Schlendern, Spazieren gehen, mich schnellen Schrittes fortbewegen, Hüpfen, Zurückgehen. Meine Schuhe ermöglichen mir Freiheit. Eine Freiheit, die mir keiner nehmen kann. Es sind meine Freiheitsschuhe.
Häufig habe ich in der Corona Zeit den Impuls, inmitten der Natur zu sein. Die Natur ruft förmlich nach mir. Noch viel öfter als vor den Beschränkungen. Dann ziehe ich meine Schuhe an und spaziere, schlendere los.
Meine Schuhe warten unternehmenslustig und geduldig im Flur. Sie scheinen wie Hunde aufs nächste Gassi gehen zu warten. Es gibt auch Tage, da scheinen sie mit den Hufen zu scharren. Sie sind aufgeregt und ungeduldig. Wie Kinder, denen man einen Spaziergang versprochen hat und die sofort losrennen, ihre Jacke vom Haken reißen und ungeduldig an der Tür warten, bis es endlich losgeht.
Seit dem unerwarteten Auftreten des Virus vor einem Jahr und der Erkrankung Corona, die er verursachen kann, haben mein Paar Schuhe viele Landschaften durchschritten. Im März vor einem Jahr führte ich mein Laufritual ein. Ich erinnere mich noch lebhaft, als wir alle von der Arbeitsstätte auf unbestimmte Zeit ins Homeoffice geschickt wurden.
Der erste Homeoffice-Tag begann freudig, denn ich wollte ihn, bevor ich mit der Arbeit vor dem Computer starte mit einem Morgenspaziergang im nahe gelegenen Volkspark einläuten. Wenn schon neue Bedingungen, dann auch neue Gewohnheiten, das ist die Chance. Ich freute mich, den Tag mitten in der Natur begrüßen.
Die Schuhe spazierten über angelegte Parkwege entlang von Ruheflächen, durch eine grüne Baumallee mit Blick auf einen türkisfarbenen See, vorbei an blühenden Schrebergärten. Meine Schuhe und ich erleben den erwachenden Frühling, seine Farben- und Formenvielfalt und schnuppern betörende Düfte. Die Schuhe lernen das Ausweichen, das umeinander Tänzeln, das genüssliche Verweilen mit tiefen Atemzügen im Freien. Auch herzliche Lacher lernen sie kennen, wenn zwei entgegenkommende Spaziergänger beim höflichen Ausweichversuch die gleiche Seite wählen: Beide versuchen es rechts- gleichzeitig links und wieder rechts. Ein ungeplantes Morgenballett mit herzhaftem Lachen. Überhaupt empfinde ich die Menschen, die wir treffen alle als rücksichtsvoll, kommunikativer als im Alltag und entspannt. Man grüßt einander freundlich.
Der Lockdown hat neben Entschleunigung auch bessere Luftverhältnissen gebracht: die Stickstoffgrenzwerte überschreiten seit Jahren erstmals in Köln nicht den Höchstwert. Mensch und Natur freuen sich. Der Himmel ist blau und Flugzeugfrei. Vogelgezwitscher betört die Ohren.
Meine Schuhe sind vielen anderen Schuhen begegnet. Sie durften in Pfützen platschen und Kinder mit Pfützen-Hüpfen imitieren. Dann lief die Zeit rückwärts und sie wurden zu Kinderschuhen und ich wieder zum glücklichen, unbeschwerten Kind. Meine Schuhe versuchten Sprünge, seitliche Sirtaki schritte, hüpften. Ich habe dann noch ein weiteres Ritual eingeführt: das Ganzkörperschütteln. Dabei stehen die Schuhe fest am Boden. Die Hände und Arme werden leicht bis kräftig geschüttelt. Wie eine Welle setzt sich die Bewegung durch die Fußgelenke, Knie, Hüften, Bauch, Brust und Schultern fort, bis hoch zum Kopf und Kiefer, die ausgeschüttelt und geleert werden. Das macht mir Riesenspaß und belebt. Danach spüre ich meinen ganzen Körper, jede Zelle. Im Inneren vibriert es, alles ist im Fluss und mir ist wunderbar warm. Ein angenehmes Körpergefühl breitet sich aus.
Auch an Bäume lehnen sich meine Füße gern an. Sie lassen sich nieder auf Baumwurzeln, tun es den Bäumen gleich und erden sich. Lassen goldene Wurzeln tief ins Erdreich wachsen. Sie stellen sich das Baumwurzelgeflecht in der Erde vor – das so ausladendend wie die Baumkrone sein soll- und verbinden sich energetisch mit den Baumwurzeln. Ein Wurzelgeflecht unter meinen Füßen.
Meine Schuhe spazieren über Gras und Moos, weichen Gänseblümchen aus, treten auf Kieselsteine. Berühren Waldboden, schnuppern frische, würzige Frühlingsluft, lauschen raschelnden bunten Blättern im Herbst. Rutschen über Eicheln und Kastanien, werden unsicher beim Überschreiten von Luftwurzeln.
Die Schuhe sind beleidigt, wenn sie ausgezogen und statt laufen zu dürfen getragen werden. Sie wollen berühren, Bodenhaftungserfahrung machen. Doch auch die Füße sehnen sich danach. So geraten die Bedürfnisse von Schuh und Fuß schon mal aneinander. Buhlen um Vorrechte. Besonders lieben meine Füße einen modrigen, frischen Waldboden im Herbst. Er befeuchtet, erfrischt, belebt.
Meine Schuhe finden die Corona Zeit überhaupt nicht als einschränkend. Ganz im Gegenteil. Diese besondere Zeit ermöglicht ihnen mehr Naturerleben, und Dankbarkeit für ihre Vielfalt und Fülle als zu Alltagszeiten. Diese ist oft geprägt von Hektik, Zeitnot oder Erschöpfung, die von Spaziergängen abhalten.
Seit Corona habe ich einen neuen Bezug zu meinen Schuhen. Bequem und ausdauernd sollen sie sein. Lange Spaziergänge sollen sie mögen. Biegsam, anschmiegsam sollen sie meine Füße umhüllen, ohne ihnen die Luft zum Atmen zu nehmen.
Schuhe sind zum Freiheitssymbol für mich geworden. Sie stehen mir jederzeit zur Verfügung, freuen sich wie Kinder, einfach los zu laufen, sich an Parkbänken nieder zu lassen und still zu sein. Und Spaziergänge sind kostenlos und in vielen Varianten zu haben.
Meine Schuhe sind immer bereit aufzubrechen und Neues kennenzulernen. Ihre Freude über unterschiedliche Untergründe kann ich wahrnehmen, denn nun verändern sie ihren Lauf-, Hüpf- und Tanzstil. Sie verwandeln sich zu Pirouetten-Begleiterinnen.
Es sind meine Freiheitsschuhe.