Liesel Speedy, Anfang 50, leidenschaftliche Altenpflege- und Betreuerin, aus Westdeutschland

Handy – Freunde oder Feinde?

Ein Gegenstand, der in der Corona Zeit für mich besondere Bedeutung gewonnen hat, ist tatsächlich mein Handy. Sofort kommt mir die Frage auf Ist das positiv oder negativ? Mal sehen. Aber irgendwie gibt mein Handy mir Sicherheit. Manchmal scheint sie mir verloren zu gehen. Mit meinem Handy bleibe ich in Kontakt. Mit meinen Kindern, mit meiner Familie, meinen Freunden. Ach nein, so ganz stimmt das auch wieder nicht.

Was denn?

Einige Leute schicken mir übers Handy interessante neue Informationen über das SARS-COVD- 2 Virus. Dort berichten Professoren von neuen wissenschaftlichen Studien und erklären dabei die Wirkungsweise dieser Infektion. Es ist wohl doch so, dass ich den Virus erst weitergeben kann, wenn er sich in meiner Schleimhaut eingenistet hat, sich so oft vermehrt hat, dass ich genügend Viren auspuste, um meinen Nächsten zu infizieren. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Nein, ein riesengroßer Brocken. Nun brauche ich nur genau auf mich zu achten, ob bei mir der Hals kratzt oder die Nase juckt. Was für eine bahnbrechende Erkenntnis.

Dies finde ich so hilfreich, dass ich die guten Neuigkeiten möglichst allen Menschen weitergeben möchte. Doch was ist das? Einige Reaktionen fallen sehr distanziert aus. Meine Freundinnen wollen mir erklären, ich sei auf dem falschen Weg. Höre mir falsche Berichte an, sie machen sich Sorgen um mich. Warum eigentlich? Nun geht es mir doch wieder gut. Nun habe ich keine Angst mehr vor der Seuche. Ach nein, die heißt ja jetzt Pandemie.

Ich spüre, dass einige Leute zu mir auf Distanz gehen. Meine Kontakte im Handy fangen an, sich neu zu sortieren. Man sagt mir, ich solle diese Informationen nicht weiter verbreiten in den sozialen Medien. Das sei gefährlich. Ich solle schweigen und mich gefälligst einfach an die Regeln halten. Ich empfinde das Gegenteil.

Gerade über mein Handy bekomme ich immer neue Informationen. Ich stoße auf sehr aufschlussreiche Filme und Berichte. Besonders eine Predigt rüttelt mich auf. Ich bekomme Antwort auf die Frage, wie ich mich als Christ dazu stellen kann. Schon lange habe ich das Gefühl, dass unser neues Leben mit Social-distancing, Kontakteinschränkung und Maskierung sich schlecht mit dem vereinbaren lässt, wie Gott in der Bibel Liebe beschreibt. Liebe lebt von Nähe, Berührung, einem lachenden Gesicht, miteinander viel Zeit verbringen. Ich entscheide mich jeden Tag neu die Liebe Jesu zu leben. Irgendjemand besondere Nähe und Aufmerksamkeit zu schenken.

Warum werde ich dafür kritisiert? „Du hältst dich nicht an die Regeln“, lautet das vernichtende Urteil. Warum ist es so schlimm für mein Umfeld? Die Verurteilung nimmt zu. Auch in den sozialen Medien.

Aber je mehr Freunde sich von mir abwenden, desto mehr gewinne ich hinzu. Diese neuen Beziehungen sind anders, tiefgehend. Ein unsichtbares Band verbindet uns. Ich lerne Frauen kennen, die einfach so spontan für mich da sind. Nicht nur im Netz. Nein, direkt in meiner Küche, meiner Terrasse, meinem Wohnzimmer. Sie begleiten mich gerne zu meinen Walking-Touren. Ganz spontan bekomme ich Gesellschaft oder werde in ein neues Haus eingeladen. Mein Handy hat mir oft dabei geholfen. Hier habe ich viele Menschen kennengelernt, die sich ernsthaft für mein Leben interessieren. Das ist sehr schön und positiv. Es hilft mir zu überleben.

Aber manchmal wünsche ich mir Zeiten ohne mein Handy, offline zu sein. Es warten so viele Bücher auf mich gelesen zu werden. Doch ich kann mich so schlecht konzentrieren. Meine Gedanken sind müde. Mein Kopf ist zu voll. Das ist der Nachteil der Informationsflut aus meinem Handy. Das finde ich negativ. Ich habe keine einfache Lösung. Ich möchte die digitalen Verbindungen auch behalten. Vielleicht stecke ich mir ein Ziel, entwickele Strategien meine online-handy-zeiten zu minimieren.

Was mir hilft, in der realen Welt zu verweilen, sind meine Zeiten draußen im Wald. Dort bin ich offline. Kann die Stille um mich herum ertragen. Der Wald hat seine eigenen Geräusche. Noch besser gefallen mir Zeiten mit meiner Familie, mit meinen Freunden. Wie sehr genieße ich jede einzelne Begegnung real, leibhaftig, von Angesicht zu Angesicht. Dann brauche ich die digitale Welt in meinem Handy nicht.

Corona hat mich gelehrt, dass genau diese Zeiten es sind, die mein Leben bereichern. Wäre mein Leben überhaupt überlebensfähig ohne diese Begegnungen? Jede Begegnung zeigt mir, ich bin nicht allein. Bin Corona nicht ausgeliefert.

Mein Leben hat sich nur verändert. Das digitale Leben ist wichtig und gut für mich. Aber das reale Leben ist wichtiger und tut mir noch besser. Eigentlich bestätigten mir auch die anderen, dass es ihnen genauso geht. Keiner mag mehr allein sein. Wie gut, wir finden uns ganz neu wieder in unseren realen Beziehungen.