Oh, du lieber Stift, was wäre ich ohne dich? Du hast mich treu begleitet in diesem Jahr, mal sprudelnder, mal eher zaghaft. Doch du warst da und bist mir ans Herz gewachsen. Danke für deine Nähe und dass du mich geführt hast in die weiten Gefilde meines Seelenlebens. Ich konnte mich auf dich verlassen, auch wenn ich im Voraus meistens überhaupt nicht gewusst habe, wohin du mich führen wirst. Zugegeben, manchmal war mir dies auch etwas unheimlich. Schliesslich kommt beim Schreiben ja auch einiges in Fluss, und was das mit mir anstellen wird, konnte ich ja gar nicht ahnen.
Oh, du lieber Stift, ich bin dir dankbar, dass du mit deiner langen Feder so unübersehbar auf meinem Schreibtisch lagst und liegst; eine feine Erinnerung, dass es sich lohnt, mich dir hinzugeben. Du warst meine Kontinuität in diesem Coronajahr. Dir durfte ich restlos alles anvertrauen und du hast es ruhig entgegengenommen. Deine Gegenwart ist mir wichtig, denn diese Zeit hat mich ganz schön mitgenommen. Ich entwickelte dermassen Widerstände gegen so vieles, was da abgegangen ist: Scheinsicherheiten wurden erzählt, zig Einschränkungen auferlegt, widerlegt und anders kombiniert.
Das Schlimmste war für mich, wie schnell sich die Welt in Pro und Contra Corona-Massnahmen geschieden hat. Kritische Bemerkungen waren an den meisten Orten unerwünscht. Zwar wurde dies wohl nur sehr selten so gesagt, doch herrschte ein Damokles-Schwert in der Luft. Die Atmosphäre war stickig. Es brauchte nicht viel, dass dieses Schwert seine scharfe Klinge sausen liess.
Dir jedoch durfte ich mich anvertrauen, losheulen, anschreien, mich beschweren und das ganze unselige Theater in den imaginären Papierkorb entsorgen. Oh, du lieber Stift, wie gut hat das getan! Es war mir Seelenhygiene, Verarbeitungstherapie und ja, auch ein Stück weit Zeit-Zeugnis.
Wenn ich dir, lieber Stift, heute gegenübersitze, denke ich allerdings schon auch, dass ich mich trotz allem recht kontrolliert von dir mich habe führen lassen. Ich glaube nämlich, Corona hat mich mit tief schlummernden Erfahrungen konfrontiert, zum Beispiel mit meiner nonkonformistischen, aufständischen Seite gegen alles, was einfach von oben verordnet wird, ohne dass es Sinn macht.
Ebenso wurde mein tiefes Selbstverständnis, ein Mensch der emotionalen und körperlichen Nähe zu sein, der gerne berührt und berührt werden möchte, in Frage gestellt. So habe ich es jedenfalls erlebt. Dies hat mich besonders traurig gestimmt. Ich habe mich gefragt: Was passiert mit den menschlichen Bedürfnissen nach Berührung, Umarmung, an der Hand genommen werden und so weiter? Wenn wir das nicht mehr leben dürfen, sondern uns immer wieder darauf achten müssen, möglichst wenig Nähe zuzulassen, dann bin ich überzeugt davon, dass dies tiefe Spuren in uns hinterlassen wird. Tatsächlich ist es mittlerweile ja auch schon so, dass ganz viele Menschen überfordert sind mit den Massnahmen gegen Corona. Sie sehnen sich nach Normalität, menschlichem Zusammensein, Partys, Unbekümmertheit und Normalität.
Oh, du lieber Stift, wohin wird uns dies noch führen? Wie wird es uns prägen, auch über diese Zeit hinaus? Ich bin gespannt und vertraue weiterhin mich dir an. Du wirst mich auch hinausführen. Lasst uns zuversichtlich und kreativ in die Zukunft blicken.