Na klar! Wenn ich davon ausginge, dass nicht, wäre ich nicht so verunsichert, wäre nicht so vorsichtig und hätte viel mehr Kontakte zugelassen. Ich bin zurückhaltend mit meinem Optimismus, auf der sicheren Seite zu leben, auch da kann man sterben. Es gibt viele Menschen in meinem Bekanntenkreis, die weniger gefährdet sind als ich oder sich weniger gefährdet fühlen und sich dementsprechend anders verhalten. Immer wieder habe ich Treffen vermieden, ein Kaffeetrinken im eigenen Zuhause oder zu Hause bei anderen. Schämte mich sogar für meine Vorsicht, die nicht mit ihrem richtigen Namen genannt werden will. „Treffen, nein lieber nicht.“ Ich wage es nicht zu sagen, aber ich denke: „Ich könnte ja krank werden.“ Diese Krankheit will ich nicht, denn ich verbinde sie mit dem Tod, vielmehr als andere Krankheiten, die man sich auf der Straße so einfangen kann. Ein vermeidbarer Tod, sagen die, die Regeln aufgestellt haben. Ich will mit im Kontrollturm sitzen, die Übersicht behalten und richte mich überbrav nach den Vorschriften.
Diese extreme Vorsicht, die nicht bei ihrem richtigen Namen genannt werden will, begann mit einem Arztbesuch im Oktober 2020. Oder nein, das ist falsch. Schon der Arztbesuch war ausgelöst worden durch das Näherrücken der Krankheit. Bei der Arbeit ergaben sich vermehrt Kontakte mit Kontaktpersonen von Infizierten und dann auch mit Infizierten. Sie rückte mir zunehmend auf die Pelle, Madame Corona. Und ich konnte die Möglichkeit einer Ansteckung nicht mehr durch mein Verhalten im Privaten steuern. Was nutzt es, wenn ich mich in der Freizeit total isoliere, mir die Arbeit aber fast täglich neue Kontakte beschert, die möglicherweise Gefahren bergen? Deshalb der Gang zum Arzt, ich wollte mich krankschreiben lassen für zwei Wochen, bis die Corona-Fälle in der Arbeit sich wieder davongemacht hätten. „Nein,“ sagte die Ärztin, „Sie geh ‘n da gar nicht mehr hin. Sie nicht! Wenn nicht Sie, wer dann wäre besonders gefährdet? Und wäre es nicht ein Jammer, Sie erkrankten und stürben, jetzt grade im Endspurt vor der Rente. Sie haben genug gekämpft dafür. Oder, fast schlimmer, Ihr Leben wäre auf immer noch mehr beeinträchtigt durch die Folgen eines schweren Verlaufs.“
Hoppla! Das saß. Ja, es wäre jammerschade. Also noch mehr Vorsicht, die nun ruhig zugeben kann, dass sie Angst heißt, weil ich ja weiß, dass nicht nur das Sterben an Corona für mich in Frage kommt, sondern auch das lange Leiden an Spätfolgen – als ob es nicht schon reichte mit den Folgen von frühen Erkrankungen. Ich will weder an Corona zugrunde gehen, noch lebenslang dadurch beeinträchtigt werden. Deshalb halte ich mich immer noch strikt an die Regeln, obwohl es mir mächtig stinkt. Weiß ich doch, dass der Prozentsatz derer, die daran sterben, nicht so gigantisch ist, wie uns die täglichen Statistiken vorführen wollen. Wurden je bei einer Grippe täglich die Zahlen der an ihr Verblichenen durch den Äther gejagt, um uns dazu anzuhalten, uns zum Beispiel warm genug anzuziehen, vitaminreich zu essen oder auf saubere Hände zu achten?
An Corona will ich nicht sterben, habe ich beschlossen. Zum Glück habe ich mit zunehmendem Alter, teils mühsam, gelernt, den Moment zu schätzen und zu all den klugen Texten, Sprüchen und fernöstlichen Weisheiten zum „Carpe Diem“ neue hinzuzuerfunden.
„Auch ich könnte sterben“, egal wie der Tod hieße, er darf noch warten. Ich will nicht. Eine neue Erkenntnis brachte mir Corona nicht. Was neu ist, ist das Bewusstsein von Kotrollverlust trotz massiver Anpassung an die Umstände und der schale Geschmack, den die Kontaktminimierung hinterlässt. Schade, jammerschade, auch das.