Lieber Vati,
jetzt liegst du gerade im Spital. Ich frage mich, wie du es erlebst, ob du dich verlassen fühlst, ob du weißt, wo du bist und warum…
Mutti hat erzählt, dass du kaum Atem bekommen hast. Sie hat erzählt, dass du in der letzten Nacht sechsmal aufgestanden bist, um auf die Toilette zu gehen – aber du konntest deine Gedärme nicht entleeren. Wir haben ein wenig Angst um dich. Du klagst ja nie darüber, wenn dir etwas weh tut.
Jetzt im Spital bekommst du Sauerstoff. Ich hoff, dass dir das Erleichterung schafft.
Vati, ich habe heut früh eine Kerze für dich angezündet. Dir waren solche atmosphärischen Dinge nie so wichtig, aber du hast immer ein feines Gespür gehabt, ob jemand echt ist und es ernst meint.
Jetzt bist du bald 85 Jahre. So gerne hätte ich mit dir als erwachsener Sohn über Gefühle gesprochen: über deine Ängste, deine Enttäuschungen und deine Freuden. Es interessiert mich wirklich – nicht nur weil ich als Sohn vielleicht auch etwas davon mitbekommen habe oder eine Familien-Last mittrage – sondern wirklich aus Interesse an dir. Du hast deine Gefühle immer hintangestellt. Wirtschaft und Gerechtigkeit waren deine Werte, die du stets hochgehalten hast. Deine inneren Verletzungen hast du in dir vergraben und vielleicht kamen sie in den oftmaligen hitzigen Debatten wie heiße Lava eines Vulkans zum Vorschein.
Jetzt liegst du da – ich will dir gerne zeigen, wie ich mit dir fühle.
Corona hast du akzeptiert, aber ganz verstanden hast du die Regelungen nie. Denn du hast mir bei der Begrüßung und beim Verabschieden immer deine Hand entgegengestreckt. Seit du diese Virusinfektion im November selber glücklich überstanden hast, habe ich auch keine Bedenken mehr, dir die Hand zu reichen.
Aber jetzt im Spital musst du wieder unter dieser Kälte des Abstands leiden. Kalt wird es dir vielleicht auch mit dieser kühlenden Klimaanlage im Zimmer sein. Wenn du frierst, ruf die Schwestern!
Findest du den Weg zur Toilette und wieder zu deinem Bett zurück?
Seit deinem Schlaganfall 2011 warst du schon dreimal im Spital. Immer haben wir um dich gebangt, immer hast du es wieder geschafft. Ich schicke dir Kraft. Vati!
Manchmal denke ich mir: du findest mich gut und liebevoll, und du bist stolz auf deinen Sohn, der Priester geworden ist. Manchmal aber – so zwischendurch – habe ich das Gefühl, dass du mich verkopft und nicht genug geerdet einschätzt. Hättest du dir mich anders gewünscht? Was für ein Bild ist in dir aufgestiegen, als du gehört hast, dass ihr zwei Buben als Zwillinge bekommt? Wolltest du etwas Besonderes aus uns machen? Dass einer wird wie du? Oder dass einer oder beide es schaffen, auszubrechen aus den engen Dorfstrukturen?
Ich glaube, du bist zwischen beiden Idealen hin und hergependelt: du hast die Tradition geachtet und hochgehalten und wolltest ein guter Bauer sein, der sein Vieh liebt und seine Äcker pflegt. Anderseits weiß ich, dass du etwas ganz anderes werden wolltest, dass du Talente in dir verspürt hast, die sich entfalten könnten, aber leider fanden sie bei deinem Vater keinerlei Anerkennung.
Jetzt liegst du im Spital. Ich weiß gar nicht, wie leicht es möglich sein wird, dich zu besuchen. Corona macht es uns diesbezüglich schon schwer!
Vati, manchmal sehe ich an deinen Stirnfalten und deinen unruhigen Fingern, dass dich etwas bewegt und innerlich belastet. Äußerlich kennen wir das Problem in der Familie: es geht um einen Acker, genauer um eine Grenze und noch genauer um den Nachbar, der dir zum Widersacher und zur Projektionsfläche geworden ist. Vielleicht weil er einmal als junger Mann mit deiner späteren Frau, unserer Mutti, getanzt hat? Oder sind da noch andere Dinge vorgefallen, von denen ich nichts weiß?
Obwohl du viele Sachen heut nicht mehr ausdrücken kannst, dringt diese innere Last von dir immer nach draußen. Was ist es, Vati, das dich da so belastet? Ich wünschte dir so, dass du es loslassen kannst. Dass du Frieden verspürst und mit Freude auf deine Familie schauen kannst: auf deine Kinder, Schwiegerkinder, Enkelkinder und auf deinen Urenkel (mit Beinamen Josef – wie du).
Was hält dich in deinem Problem so gefangen?
Oft wollte ich dich aufheitern – früher ging das noch mit dem Thema Sport – aber heute weiß ich nicht, was dich froh macht: ja das Kartenspiel magst du, aber es fällt dir nun auch schon schwer, alle Jolly-Karten zu überblicken. Und ja, du magst es, wenn Enikö, eine der beiden Pflegerinnen, sich um dich sorgt.
Kannst du auch die Liebe und Zuneigung zu Mutti spüren oder empfindest du eure Ehe als Selbstverständlichkeit?
Wolltest du vielleicht sogar einmal ausbrechen oder hast du dir diesen Gedanken stets verboten?
Liebe Vati, jetzt habe ich so viel gefragt und drauf los geredet, dass du gar nicht zu Wort gekommen bist. – Aber spüre mein Dasein.
Ich bete für dich.
Dein Schurli