Katrin Schuh, wohnhaft im Kreis Balingen, Deutschland, Clownin, Kursleiterin für Encausticmalerei ,62 Jahre alt, im Haushalt lebende 89jährige Mutter, ihr Mann (Pensionist), ihr Hund und zeitweise ihr 26jähriger Sohn

Corona steht dazwischen

Liebe Luna,

ich bin so glücklich und erleichtert. Alles hat sich zum Guten gewendet.

Vor einem Jahr hatten wir uns fest verabredet dass du mit Lilli und den Kindern zu mir zu Besuch kommst. Dann hat uns aber der erste Lockdown einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Kurz darauf bin ich krank geworden. Drei Wochen habe ich leider auch von dir nichts gehört. Vor dem Lockdown war schon alles ziemlich stressig. Wir haben aussortiert und aufgeräumt in unserem Haus. Der geplante Besuch von dir war so ein schöner Hoffnungsschimmer. Drei Wochen krank und ich fühlte mich als wenn ich keine Freunde/innen mehr hätte. Erst durch den Antikörpertest im Juni habe ich erfahren dass ich Corona hatte. Alle waren mit sich und der Corona-Situation beschäftigt.

Es ging mir psychisch immer schlechter. Ich habe nur noch funktioniert. Ich wollte dich damit nicht belasten und habe nicht angerufen und nicht geschrieben. Das war wohl, im Nachhinein, ein Fehler. Dann kam der Zusammenbruch bei mir. Nichts ging mehr. Corona hat meine Nerven ziemlich angegriffen.

Du hast mich angerufen. Es waren tröstende Worte von dir und du hast versucht mich aufzubauen. Mein Gefühl war wie wenn ich ganz weit weg wäre. Es war so ein fremdes Gefühl. Als wenn du mich gar nicht mehr kennst. Nicht weißt wie ich lebe und was mein Lebensinhalt ist.

Im Sommer haben wir dann ab und zu telefoniert oder du hast mir Fotos und Videos von deinen Enkelkindern geschickt. Das war so schön und hat mich sehr gefreut und glücklich gemacht. Ich spüre wie sehr du die beiden, kleinen Mädchen liebst.

Deine Arbeit im Kindergarten ist ja auch sehr belastend in dieser Zeit. Zumal du ja einen Chef hast der nicht besonders gut mit dem Kindergartren-Personal umgeht. Ich habe gespürt wie du die Angst im Nacken hattest, du könntest dich anstecken.

Als wir miteinander gesprochen haben, habe ich deine Angst gespürt. Es ist nicht lustig Corona durchzumachen davon kann ich ein Lied singen. Ich kann dich so gut verstehen wie du am kämpfen bist zwischen Pflichtgefühl und der Angst selbst krank zu werden.

Im Herbst habe ich leider kaum noch was von dir gehört. Eine schöne Geburtstagskarte kam etwas kürzer als sonst, eine Weihnachtskarte wie jedes Jahr. Ich hatte auf einmal das Gefühl wir sind weit von einander entfernt, weiter als 70 km. Ich hatte dir geschrieben es kam keine Antwort zurück. Ich habe dich angerufen und nie erreicht. Also habe ich mir gesagt du bist bestimmt mit Kindergarten und deinen Enkelkindern sehr beschäftigt. Mir selber habe ich dann Geduld verordnet. Was ist los? Desto mehr Zeit verging desto mehr Unruhe war in mir.

Anfang dieser Woche kam dann deine Nachricht, das du im Krankenhaus liegst. Nach einer Routineuntersuchung war klar dass du sofort operiert werden musstest.

Warum hast du mich nicht angerufen? Hast du kein Vertrauen zu mir? Sind wir so weit weg von einander ?

Bei der OP ist leider ein etwas beunruhigendes Ergebnis zum Vorschein gekommen. Ich war so froh als ich dann mit dir telefonieren konnte. Du hast so erschlagen, so bedrückt geklungen. Am liebsten hätte ich dich in den Arm genommen. Leider kann ich nicht zu dir wegen diesem dummen Corona. Die Aussicht, nach deinen Worte, steht 50 zu 50 ob es gut – oder bösartig ist.

Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich konnte mir in etwa dein Gefühl vorstellen, weil ich vor vielen Jahren eine ähnlichen Situation erlebt habe. Ich hoffe sehr das meine Worte und Aufmunterung dir etwas geholfen haben.

Es ist diese Ungewissheit die einen grübeln lässt. Immer wieder habe ich dir gesagt du sollst positiv denken. Es muss einfach gut ausgehen.

Das Ergebnis wird negativ sein, so musst du denken, so denke ich auch. Ich werde auch für dich beten. Ich habe für dich gebetet auch wenn ich weiß das ist nicht so dein Ding. Aber ich glaube fest daran das Gott die Hand über dich hält.

Ich habe dir auch gesagt egal wie es ausgeht, du zuversichtlich bleiben sollst. Das ist etwas was mich meine ganzes Leben begleitet und trägt, Hoffnung und Zuversicht. Wir haben lange gesprochen bist du müde warst. Ob du geschlafen hast oder wie du geschlafen hast kann ich nur ahnen. Du hast mit mir verabredet dich am nächsten Tag zu melden sobald du das Ergebnis weißt. Es war für mich auch eine unruhige Nacht. Immer in Gedanken bei dir. Wir kennen uns schon fast 40 Jahre und haben schon Einiges zusammen erlebt. Der nächste Morgen ist voller Spannung. Sicher für dich noch viel mehr.

Endlich bekomme ich die Nachricht von dir. Gott sei Dank es ist nicht bösartig.

Ein riesiger Stein fällt mir vom Herzen das kann ich dir sagen. Ich möchte am Liebsten zu dir kommen mit dir tanzen, feiern und vor Glück schreien.

Corona steht dazwischen.

Wir werden sicher bald wieder telefonieren. Du bleibst hoffentlich noch lange gesund und wir können uns bald wieder sehen.
Ich umarme dich von ganzem Herzen in Gedanken liebe Luna.

Deine Freundin Katrin

P.S : Ich kann mir vorstellen wie glücklich dich zu Hause alle begrüßt haben.