Seit einer Woche hat es sich bei mir eingenistet – nicht in meinem Körper, aber in meinem Haus.
Meine drei Kinder sind erkrankt, einer nach dem anderen.
Zuerst ist nur mein mittlerer Sohn Kontaktperson 1, negativ getestet. Dann breitet es sich aus, wie eine Reihe Dominosteine die umfallen.
Der Jüngste klagt über Kopfschmerzen. Er schläft den ganzen Tag. Er ist geschwächt und verzweifelt. Seine Freunde, sein Sport fehlen ihm seit Monaten. Jetzt ist er wirklich krank – Totalsperre. Kein Spielen mehr im Garten mit den Nachbarskindern, keine Geburtstagsfeier, kein Treffen zum Geburtstag mit Oma und Opa. – Zum Glück, sonst wäre alles sehr viel schlimmer.
Ich versuchte ihn zu trösten: Dann wieder… Dann, wenn du gesund bist.
Dann, wenn wieder Besuch kommen darf. Dann laden wir einen nach dem anderen ein. Dann machen wir ein Feuer im Garten. Dann…Wann?
Ich weiß es nicht. Ich habe schon so viel verschoben, vertröstet und um geplant.
Seit zwei Tagen geht es ihm wieder besser. Wir müssen für die Schule lernen. Er darf nicht ins Hintertreffen geraten. Er darf nicht zu viel versäumen. Zur Erholung schauen wir „The Big Bang Theory“. Wir kochen zusammen, telefonieren, schauen viel auf unsere Handys – unser Kontakt zur Außenwelt. Wir mögen Videos, die sich über Corona lustig machen. Die Tage sind lang.
Seit gestern ist auch mein ältester Sohn erkrankt. Es geht ihm nicht gut.
Er verkriecht sich in seinem Zimmer. Er schläft viel. Er hat starke Halsschmerzen. Er wünscht sich Tee. Er isst fast nichts. Daran erkenne ich, wie schlecht es ihm geht.
Der mittlere Sohn hat fast keine Symptome. Er lernt für die Uni. Skypt mit seiner Freundin, spielt Gitarre. Er trägt das Ganze mit Fassung. Es fällt ihm schwer, sich für seine Seminararbeit zu motivieren. Er liest mir das Geschriebene vor. Wir diskutieren ein bisschen.
Mein Mann ist sicherheitshalber vorübergehend in die leere Wohnung seines Bruders gezogen. Er soll möglichst nicht krank werden – aus beruflichen und aus gesundheitlichen Gründen nicht. Abends telefonieren wir. Am Nachmittag trinken wir per WhatsApp einen Kaffee zusammen.
Ich fordere die Krankheit heraus. Ich will es wissen. Seit einer Woche lebe ich zusammen mit drei Corona-Kranken. Ich bin frisch geimpft. Ich arbeite in einem Reha-Zentrum.
Wir essen zusammen, sitzen gemeinsam auf der Couch. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Abstand halten im gemeinsamen Haushalt geht nicht. Vor allem der Jüngste braucht Trost. Das geht nur körperlich. Trösten ist körperlich, nur Worte sind zu schwach. Das ist meine Erkenntnis aus diesem Jahr mit Corona. Zwei Menschen in meinem Umfeld sind in diesem Jahr gestorben und kein Umarmen der Hinterbliebenen war möglich.
Wenn ich krank werden sollte, dann will ich jetzt krank werden. Ich bin schon in Quarantäne. Aber mein Test gestern war negativ. Nur zum Testen darf ich das Haus verlassen. Die Impfung kann was. Ich bin umgeben von diesem Virus, aber noch bin ich gesund. Wenn man trotz Impfung erkrankt, könne man mit einem milden Verlauf rechnen, heißt es. Im Moment bin ich nicht ängstlich. Ich werde nicht an Corona sterben. Niemand in meiner Familie wird an Corona sterben.
Ich möchte es gut überstehen. Ich möchte, dass wir es gut überstehen.