Stefanie Hall, 40 Jahre, Teilzeitangestellte, Bloggerin, Kleinkindmutter, introvertiert, schreibbegeistert, wohnhaft im Speckgürtel von Wien

Es gab da diesen Moment

Es gab da diesen Moment/diese Zeit, da wünschte ich mir fast, dass ich auch mal Corona bekomme.

Hab ich mir das schon mal gewünscht? Ich glaube, ich habe es mir überlegt. Ich habe mir überlegt, was wäre, wenn ich Corona bekäme. Ich hätte es mit wenigen oder gar keinen Symptomen. Vielleicht leichten Symptomen. Ich will krankgeschrieben sein. Mein Mann und mein Sohn wären gesund. Negativ getestet. Ich muss in Quarantäne. Darf sie nicht anstecken. Da bin ich jetzt in meinem Zimmer. A room of one’s own. Ich. In meinem Zimmer. Allein für mindestens 10 Tage. So denke ich mir das. Wie Urlaub.

Ich habe einen Artikel in der Zeit gelesen von Menschen, die sagen, das ist die Zeit meines Lebens. Lockdown. Kurzarbeit. Zeit für mich. Ich glaube, wenn ich kein Kleinkind zu Hause hätte, wenn ich nicht so viel an Möglichkeiten wegfallen würden, wenn ich mich nicht fühlen würde wie ein Tier im Käfig im Corona-Käfig, dann wäre auch für mich einiges leichter. Ich glaube, Käfigzeit lässt sich leichter aushalten, wenn nicht ständig das Bedürfnis eines anderen Menschen gestillt werden muss. Wenn man sich nur mit seinen eigenen Bedürfnissen auseinandersetzen muss.

Ich bin so müde. Mir fehlt die Freude, mir fehlt das Lachen. Mir fehlt. Mir fehle ich. Mir fehlt die Leichtigkeit. Mir fehlt die Freiheit. Mir fehlt Zeit. Mir fehlt eine Kaffeepause.

So stelle ich mir das also vor. Ideal-Corona. Nicht schlimm, nicht wirklich krank, keiner im Spital, ich nicht, meine Familie nicht. So wenig Angst wie möglich.

So wäre es aber nicht.

Wenn wir Corona hätten, hätte ich keine Zeit, mit mir zu sein. Ich wäre krank und natürlich meine Familie mit mir. Das ist der wahrscheinlichere Fall. Alle sind wir krank. Mein Sohn ist klein. Er wäre hoffentlich nur wenig betroffen. Mein Mann und ich wären müde, fiebrig, kurzatmig und am Zahnfleisch. Beide hätten wir Angst, dass es schlimmer wird. Beide hätten wir Angst um unser Leben, um das Leben unseres Kindes, um das Leben des anderen. Alle in einer Wohnung mit Garten. Zumindest mit Garten.

Mein Sohn wäre aktiv. Er ist meistens aktiv, wenn er krank ist. Als würde ihn die Krankheit motivieren. Mein Mann würde im Bett liegen. „Ich kann nicht“, würde er sagen. „Ich kann nicht aufstehen.“ Ich würde aufstehen. Müssen. Wenn einer „Ich kann nicht“ sagt, muss der andere können. Es bleibt nichts anderes übrig. Wer soll uns helfen? „Ich kann auch nicht“, würde ich sagen. „Was sollen wir tun?“, würde er fragen. Weil ich es nicht weiß und weil der, der nicht schnell genug gefragt hat, die Antwort finden muss, würde ich durchhalten. Müssen. Ich müsste auf den Beinen bleiben, unser Kind versorgen, uns versorgen. Ich. Ich allein. Ob ich kann oder nicht. Es wäre schrecklich. Auf keinen Fall will ich, dass das passiert.

Wenn du dir wünscht, dass du Corona bekommst, ist das schon ein schlechtes Vorzeichen? Darf ich sowas denken? Hätte ich es lieber nicht denken sollen? Hätte ich es lieber nicht niederschreiben sollen? Jetzt steht es da. Schwarz auf weiß.

Ja, es gab einen Moment, da wünschte ich mir fast. Jetzt ist er vorbei.