Schurli, 56 Jahre, Pfarrer einer katholischen Gemeinde in der Großstadt, Lese- und Schreib-Freund mit wachen Sinnen (manchmal auch von Sinnen), verwurzelt im Geschenkten und offen für Zufälle (des Himmels)

Ich wüsste nicht, was ich täte, wenn ich Corona hätte…

Meine Gedanken wandern zurück in den März 2020, zurück in ein Jahr mit dieser schönen Jahreszahl, genau richtig für einzigartige Erlebnisse, die man unvergesslich eingebettet wissen will.
Es war gerade im ersten Quartal dieses Jahres, in dem sich so vieles hätte entfalten und verwirklichen sollen. Ich hatte das Gefühl einer aufsteigenden Zeit voller Hoffnung und Vorfreude – und dann kam: Corona!!!

Zunächst war bei mir einmal Verdrängung angesagt: das passiert nur in China, das kommt nicht zu uns… dann überschattete mich Unsicherheit: was passiert da jetzt… und dann machte Angst sich breit: ich könnte auch dran sein, ich könnte infiziert werden….
Mein kleines Ego riet mir sorgenvoll, still zu halten, mich zurückzuziehen und die große Welle abzuwarten, es wird nicht lange dauern….

Zeitsprung – März 2021: die Infektions-Zahlen sind besorgniserregend hoch, höher als damals, es gibt neue Virusmutationen; niemand weiß, wie es weiter gehen wird, weder mit der Krankheit, noch mit der Welt oder der Wirtschaft…

Ich wüsste nicht, was ich täte, wenn ich persönlich Corona bekäme.
Ich wüsste nicht, wie stark die Viren in mir wirken würden.
Ich wüsste nicht, ob meine körperliche Verfassung der Virenkraft gewachsen wäre, ob mein Herz standhalten würde, ob dieses noch mehr geschwächt würde.
Ich wüsste nicht, was dann aus meinem Leben würde.

Worst Case:
Das Virus schädigt mich so, dass ich berufsunfähig werde.
Ich würde meine Arbeit, meine Stellung als Pfarrer, meinen Einfluss und viele meiner Freunde verlieren.
Wer würde noch zu mir halten? Wer würde bei mir bleiben, auch wenn ich unfähig bin, der Welt meine Talente zu offerieren?
Ich habe Angst. So habe ich mir das Leben nicht vorgestellt!
Ich will zurück … doch wohin zurück?
Ich weiß es nicht.
Ich schreie in mich hinein.
Es verhallt.

Ich wüsste nicht, was aus mir wird, wenn ich Corona bekäme…
Aber vielleicht hätte ich einen milden Verlauf – wie meine Eltern?
Aber auch hier ist offen, ob es Nachwirkungen gibt?

Eine Frage drängt heran, sie ist mir unangenehm, ich will ihr ausweichen, doch sie steuert auf mein Bewusstsein zu: Wie wirst du mit einem beschädigten Körper weiterleben? Mit einem Körper, der dir ja so wichtig ist?
Mein Leib ist mein Instrument, auf dem die Saiten meiner Liebe, meiner Fähigkeiten gespannt sind… Was soll dann von mir noch klingen können? Was soll dann noch durch mich tönen?

Ich atme tief ein und lange aus…
Die Zeit geht inzwischen weiter, die Zeit fließt mit jeder Sekunde.
Wer bin ich? Wo bin ich? Wie bin ich? Bin ich mehr als mein Körper?
Könnte Corona mich ganz töten?

Ich lasse eine Pause …
Ich atme wieder…
Könnte Corona mich töten?

Ich wüsste nicht, was ich täte…
…was ich täte… oh, in diesem Verb ist ja eine Hoffnung verborgen, die ich erst jetzt bemerke: auch wenn ich nicht weiß, was ich täte, würde ich doch etwas tun können, mich irgendwie verhalten können, im besten Fall annehmen, was ist und sein lassen…

Ich wüsste nicht, was ich täte, wenn mich die Krankheit heimsucht, aber vielleicht täte ES etwas durch mich… etwas Großes, Wunderbares, unbemerkt, bemerkt?

Ich also weiß nicht, was ich täte, wenn ich Corona bekäme, aber meine Seele weiß einen Weg, einen Weg, der gut ist für mich, für uns alle…
Ich tauche ein in meine Seele und weiß mich geborgen in ihr.

Hilf mir, du meine Seele,
hilf mir zu vertrauen –

mit oder ohne Corona!