Jana, 59 J., verheiratet, 3 erw. Kinder, 5 Enkel, selbständig (LSB, TCM) / EPU, Erwachsenenbildnerin, Musikerin, wohnhaft in einer Bezirkshauptstadt im Salzkammergut

Krank – gesund

Heute passiert es mir zum ersten Mal, dass ich nicht weiß, womit ich beginnen soll zu schreiben. Irgendwie ist es in mir still. Ich komme nicht so recht ins Thema.

Acht und noch mehr Gegensatzpaare. Ich entscheide mich für „krank oder gesund“. Oder besser für „krank und gesund“.

Oder ich drehe das Paar einfach mal um und schau, ob ich dann rein finde:

„Gesund oder krank“. Oder „gesund und krank“.

Ah, so geht’s leichter.

Ja, das gibt es: gesund und krank. Ich kann gesund sein, obwohl ich krank bin. Und ich kann krank sein, obwohl ich mich gesund fühle.

Jetzt schaue ich mal: was löst in mir das Wort „gesund“ oder das Wort „krank“ aus? Puuhh! Das überrumpelt mich jetzt. Da taucht ein zweites Wortpaar hoch, nämlich „wertes oder unwertes“ Leben. Das erinnert mich an eine Zeit, wo entschieden wurde, wer leben darf und wer nicht.

Booaahhh – mit dem hab ich jetzt nicht gerechnet. Diese Spur wäre schon mal spannend, aber ich glaube, da reichen 45 Minuten nicht aus.

Ich gehe also zurück zu „krank oder gesund“. Ah, da tauchte eine neue Spur hoch, nämlich die Frage, die in der Corona-Zeit so übermächtig groß geworden ist:

Wann bin ich gesund bzw. wann bin ich krank? Und das hängt, wie so vieles von einem Zahlenspiel ab, das ich bis heute nicht verstehe.

Ich bin TCM Praktikerin und Lebensberaterin in eigener Praxis und ich bin es gewöhnt, die Anliegen meiner Klienten oder Klientinnen immer, ja ausnahmslos immer in Relation zu einem gewissen „Vorher“ und „Nachher“ zu sehen. Oupps, das ist ja auch ein Wortpaar. Lustig.

Wo will ich hin, wo komme ich her? Wie erreiche ich mein Ziel am besten von da aus, wo ich gerade bin? Was brauche ich dafür?

Es geht also für mich in einer guten Beratung immer darum, eine gewisse Verhältnismäßigkeit abzuwägen. Was für meine Beratungen ein absolutes No-Go wäre, wäre ein Beharren auf einem Absolutheitsanspruch: „So ist es. Und anders kann es nicht gehen oder nicht sein“. Das fördert die Stagnation.

Und so gehe ich auch mit dem Wortpaar „gesund – krank“ um. Beides sind variable Größen für mich und das ist auch ganz wichtig.

Würde ich „Krankheit“ als eine Konstante sehen, würde es mich erdrücken. Und wäre „Gesundheit“ eine Konstante, wäre manches zwar vielleicht einfacher, doch das Leben hat mich anderes gelehrt. Das ist für mich ganz besonders deutlich geworden durch dieses neuartige Coronavirus. Das hat es in kürzester Zeit geschafft, so viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, dass vieles anderes komplett in den Hintergrund gerückt ist.

Ich frage mich oft, wie das geschehen konnte. Die einzige Antwort, die sich gehalten hat, war die Erkenntnis, dass Corona und seine Auswirkungen fast ausschließlich im Angesicht des Todes diskutiert wird. Ja, klar – es hat viele Opfer gefordert. Es sind viele Menschen gestorben, bei denen das Coronavirus nachgewiesen wurde. Und Corona hat vielen Menschen regelrecht die Luft zum Atmen genommen. Das ist sehr schlimm. Doch ich versuche trotz allem die Verhältnismäßigkeit im Auge zu behalten.

Manchmal frage ich mich: was wäre gewesen, wenn die Politik trotz aller schwerer Krankheitsverläufe die Gesundheit im Auge behalten hätte? Es hat ja auch viele gegeben und es gibt sie immer noch, die mit Corona und den Folgen zurecht gekommen sind. Die krank waren und wieder gesund wurden.

Da zähle ich mich auch dazu. Mich hat Corona vor 3 Monaten ausgehebelt – so richtig – und ich bin mit viel medizinischer und naturheilkundliche Unterstützung durchgetaucht und bin wieder gesund geworden.  Gott sei Dank! Es ist zwar anders als vor 3 Monaten, ich habe immer noch bei geringsten Anstrengungen oder auch, wenn ich viel sprechen muss Atembeschwerden. Aber auf dem Papier nach Berechnung aller Zahlen, die in Erwägung gezogen werden und wurden, bin ich gesund. Ich darf nicht testen gehen, weil jeder Schnelltest negativ anzeigen würde, auch nach 3 Monaten noch. Dann müsste ich sofort einen PCR Test machen, der nachweist, dass die Virenlast, oder was auch immer, eh hoch genug ist. Und somit bin ich dann doch gesund. Jetzt habe ich meine Antikörper messen lassen in einer Vollblutanalyse. Die sind auch hoch genug. Also ich bin gesund. Ich weiß aber nie ganz sicher, ob ich Corona trotzdem noch übertragen kann. Bin ich jetzt gesund? Gesund und/aber gefährlich?

Ich habe Corona als anstrengende Krankheit erlebt, die ein besonderes Augenmerk verlangt hat und gute Unterstützung benötigt. Und so frage ich mich manchmal: was wäre gewesen, wenn man Corona von Anfang an ein anderes Augenmerk verpasst hätte? Hätten „wir“ – die breite Bevölkerung – die Ernsthaftigkeit dieser Erkrankung verstanden? Hätten wir uns an Empfehlungen an Maßnahmen zur Erhaltung der Gesundheit gehalten?

Was wäre gewesen, wenn nicht die Angst vor dem Tod im Vordergrund gestanden wäre? Sondern z.B. Empfehlungen, wie man das eigene Immunsystem besser schützen und stärken kann. Hätten (die) wir Menschen zugehört, wenn man (ihnen) uns die Gefahren erklärt hätte und (ihnen) uns eines oder viele Werkzeuge für (ihre) unsere Gesundheit in die Hand gegeben hätte?

War es gesund, die Krankheit Corona und die Gefahr, die von diesem Virus ausgeht, so in den Vordergrund zu rücken? Was ist mit der Psyche der Menschen? Hat die, ohne an Corona zu erkranken, Schaden genommen? Was ist mit der Zuversicht, mit der Unbeschwertheit, mit dem Glück? Was ist mit der Schwere, die durch Arbeitslosigkeit, durch finanzielle Not, auch oft genug durch häusliche Gewalt, oder durch andere Einschränkungen des Lebens-Alltags entstanden ist? Was ist mit Menschen, die darauf angewiesen sind, ihr Heimatland zu verlassen, weil sie über der Grenze ihren Arbeitsplatz haben?

Fragen über Fragen. Und keine so recht haltbaren Antworten. Oder würde es einfach nur mehr Zeit benötigen, um sich Ihnen ausreichend zu widmen?

Krank – gesund:
„Oder“?
Oder „und“?

Es würde sich lohnen, hier weiter hinzusehen.
Doch fünfundvierzig Minuten waren mir dafür eindeutig zu kurz.