Mirell, 43 Jahre alt, lebt mit ihrem Ehemann im Oberallgäu, liebt die Berge, die Meere, das Leben tanzt, schreibt, lauscht, begleitet - privat und auch beruflich

Sterben lässt sich nicht vermeiden – Covid 19 schon

Ich möchte die Erkrankung nicht bekommen, genau so wenig wie andere potentiell schwer oder tödlich verlaufende Erkrankungen. Ganz am Anfang, als man noch kaum etwas wusste über die Eigenschaften und Auswirkungen von Covid 19, als nur bekannt war, dass das Erreichen einer Herdenimmunität das angestrebte Ziel sei, darum geht es ja noch immer, damals dachten mein Mann und ich kurzzeitig “Komm, lass es uns irgendwo einfangen und dann haben wir es hinter uns”. Wir dachten, so schlimm würde es uns schon nicht erwischen. Schließlich gehören wir nicht zur Risikogruppe und leben weitestgehend gesund. Dann vertieften und erweiterten sich die Erkenntnisse, die die Wissenschaftler über Covid 19 gewannen. Einige Fälle von jüngeren Menschen mit schweren und sogar tödlichen Verläufen tauchten auf. Noch etwas später hörten wir von den umfangreichen, möglichen Nachwirkungen einer Covid 19 Erkrankung: anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung, depressive Verstimmung, Veränderung der Lungenkapazität und Einschränkungen weiterer Organe. Spätestens dann ließen wir die Idee, es möglichst schnell hinter uns bringen zu wollen, los. Wir taten und tun alles, um uns möglichst nicht anzustecken.

Seit ich wieder arbeite, erfuhr ich von zwei Klientinnen aus erster Hand über deren direktes Erleben der genannten Nachwirkungen. Eine Frau stand sogar vor der Entscheidung, sich von ihrem Mann zu trennen, da sie die psychischen Veränderungen, die bei ihm nach der Erkrankung eingetreten waren, nicht mehr ertrug. Für mich war dies eine weitere Bestätigung aus dem echten Leben, nicht nur aus den Medien, die Idee, aktiv eine Infektion herbei zu führen, definitiv nicht weiter zu verfolgen. Heute weiß man, dass es, besonders bei einigen der mittlerweile entstandenen Mutationen, auch keine Garantie mehr gibt, nicht ein zweites Mal erkranken zu können, dann, wie ich hörte, oft mit heftigeren Folgen, als beim ersten Mal.

Ich vermeide aktiv eine Ansteckung, oft mehr, als die offiziellen Regeln es fordern. Nachdem ich mich mit verschiedenen Erklärungen zum Thema Aerosole beschäftigt hatte, einschließlich anschaulicher Grafiken und Animationen, fühlt es sich für mich stimmiger an, meine dicke Maske auch dann zu tragen, wenn ich in geschlossenen Räumen etwas Abstand von den anderen Anwesenden habe oder wenn irgendwelche, oft halbherzig installierten Plexiglaswände als scheinbare Barriere zwischen uns sind. Nach meine Verständnis verhalten sich diese Aerosole nicht so, dass sie an den Wänden stoppen oder an den unsichtbaren Grenzen auf halbem Weg zwischen zwei Abstand haltenden Menschen. Auch biegen sie nicht nur in die von uns vorgesehenen Richtungen ab. Diese Dingerchen sind so winzig und so beweglich – wann immer es möglich ist, mein eigenes Ansteckungsrisiko zu minimieren, tue ich es. Oft genug werde ich dafür belächelt, manchmal auch wohlmeinend über die Schädlichkeit von Masken belehrt – okay.

Neben all dem, was ich tue, um mich selbst und damit ja auch andere Menschen nicht anzustecken, hat Corona für mich auch die Auseinandersetzung mit den existentiellen Fragen mit sich gebracht. Es ist eine Erkrankung, an der man sterben kann. Häufiger wohl dann, wenn man schon hoch betagt ist und dazu womöglich die ein oder andere Vorerkrankung hat, aber eben nicht nur dann. Man kann auch noch nicht einmal 30 sein, pumperlgesund gewesen und dennoch – keiner weiß genau, wie und warum, haben Menschen die Krankheit nicht überlebt. Ich selbst bin über 40, mein Mann hat die 50 überschritten. Manchmal fühlt es sich für mich so an, als wären wir damit auch schon recht nah an der 65, dem Alter, von dem man sagt, ab da könne es kritisch werden, ab da sollte man sich vorsehen.

Ich habe viel nachgedacht über die Möglichkeit, selbst an Covid 19 zu sterben oder auch, dass es meinen Mann treffen könnte, ebenso meinen Papa, meine Schwester und deren Partner, womöglich sogar eines der Kinder, da mag ich dann doch kaum weiter denken. Das Risiko für meinen schwerst vorerkrankten Schwiegervater und für meine Oma sind enorm. Diese Auseinandersetzung mit meiner und unser aller Endlichkeit, die ja im Grunde eine Selbstverständlichkeit ist, empfinde ich als sehr wertvoll. Schließlich könnten ich oder meine Lieben jederzeit einen Unfall erleiden, einen Herzanfall  oder von irgendeiner anderen Erkrankung getroffen werden.

Corona macht die potentielle Gefahr sterben zu können deutlich, bringt sie in das Bewusstsein. Das tut gut. Es lässt mich bewusster leben, wirklich jeden Tag ein bisschen mehr genießen, zumindest immer wieder absichtlich nach Genüssen suchen und sie leben. Es lässt mich die Beziehung zu meinem Mann und zu den anderen mir wichtigen Menschen intensiver erleben, aktiv schöner gestalten. Dieser Ausspruch “Jeder Tag ist ein Geschenk” hat eine tiefere Bedeutung für mich bekommen.

Ich liebe mein Leben und ich lebe es gern. Deshalb vermeide ich unnötige Risiken – in dem Bewusstsein, dass ich nicht alles vermeiden kann. An Covid 19 zu erkranken, das muss aus meiner Sicht nicht sein, genauso wenig, wie an anderen Erkrankungen, gegen die man sich schützen kann, durch Impfungen zu Beispiel oder durch das Vermeiden von Händeschütteln oder die Benutzung von Kondomen.

Ich bin offen für all das, was das Leben mir an Unerwartbarem bereit hält, und ich bin offen für mein Sterben, zu der Zeit, wann es eben dran sein mag.