Ich habe mich schon oft gefragt; Was bin ich, krank oder gesund?
Im vergangenen Jahr und auch im Jetzt beschäftigt mich diese Frage natürlich um so mehr. Eigentlich war ich noch nie in meinem Leben gesund und doch habe ich mich nicht immer krank gefühlt. Meine „Begleitung“ ist seit meinem 11. Lebensjahr Diabetes Typ1. ES gehört zu mir wie der Name an der Tür.
Ich sage absichtlich nicht der Diabetes. ES klingt weicher und gehört schon seit ewigen Zeiten zu mir. Vielleicht ist es deswegen auch so dass mein Umfeld, Freunde und Familie ES nicht ständig thematisieren. Selbstverständlich funktioniere ich trotzdem.
Auch im letzten Jahr, als die Pandemie uns überrollte, kam erst mal keiner auf die Idee das meine jährlich wiederkehrende „Erkältung“ Corona sein könnte. Von einer Minute zur anderen hat es mich erwischt. Wie wenn man mir den Stecker gezogen hätte. Meine „Begleitung“ ist auch dabei. Ich bin müde und möchte nur schlafen. Mir tut alles weh und ich bin total erschlagen. Aber ES sagt ich muss mich um ES kümmern. Jede Stunde, jede Minute ist ES da und bestimmt mit, wie es mir geht. Keiner kann ES mir abnehmen und das seit über 50 Jahren.
Testen, trinken, liegen und ausruhen, meine Pumpe neu aktivieren, neu starten, in der Nacht auch noch Batteriewechsel, alle drei Stunden testen weil ES nicht so will wie ich. Ich bin so müde, so schwach und alles tut mir weh.
Drei Wochen funktioniere ich wie in Trance. Nichts ist mehr wie vorher. Die Erkältungssymptome sind fast weg aber ich habe keinen Geruchs- und Geschmackssinn mehr. Jeden Tag gehe ich in den Garten und rieche an meinen Kräutern, Rosmarin, Salbei, Thymian, Pfefferminze usw. Wann kann ich denn endlich wieder alles riechen? Wann bin ich wieder „gesund“?
Meine Blutzuckerwerte stolpern hoch und runter obwohl ich alles versuche zu regulieren. ES ist nicht so einfach. Ich denke immer wieder mal ; Scheibenkleister ist das alles mit meiner ständigen „Begleitung“. Aber ohne ES wäre ich nicht der Mensch der ich bin.
Warum stellt sich im Leben immer wiederkehrend die Frage; ob ich gesund oder krank bin? Ich habe so viel hinbekommen in meinem Leben was so mancher „Gesunde“ nicht hinbekommen hat. Es gibt schließlich viele bekannte, kranke Persönlichkeiten, die Erstaunliches geleistet und erreicht haben. Längst habe ich mich mit dem Wort „krank“ versöhnt denn es ist für mich nicht das was es üblicherweise aussagen soll. Schwäche ?
So mancher Mensch begegnet mir mit Mitleid aber auch mit Bewunderung. Dabei ist mir Anerkennung lieber als Mitleid. Über die Fragen wie: „ Wie hoch ist denn dein Zucker?“ oder „Wie schwer ist denn dein Diabetes?“ kann ich nur noch lachen.
Ich wundere mich über so viel Unwissenheit in der heutigen Zeit. Ich möchte am Liebsten sagen : „Manchmal 1,50 m hoch und manchmal 30 cm und manchmal 200 kg schwer und manchmal 50 kg schwer.“ Der Humor hat mich immer gerettet. Niemand kann ja wissen was ES mit einem macht und was dazu gehört ein Leben lang diszipliniert gegen alle Widerstände zu kämpfen.
Das Leben schenkt mir nichts, kein Bonus für gute Führung. Ich muss mich schon selber immer wieder aufrichten, den Menschen, der ich bin, im Ganzen betrachten. Ich habe eine Menge Möglichkeiten. ES nehme ich mit ohne das ES mich ernsthaft stört.
Gut das ich so viele andere betroffene Menschen kenne und immer wieder im Austausch bin. Betroffene wie sich das schon wieder anhört. Lieber sage ich Menschen in Begleitung. Natürlich sind nicht alle gleich, nicht so wie ich. Ihre Begleitung auch nicht. Das verbindet uns auch in dieser Zeit.
Jeder Mensch ist anders und hat andere Bedürfnisse.
Wir können uns gegenseitig motivieren und Stütze geben.
Manche von ihnen sind wirklich krank inzwischen. ES nagt bei jedem an einer anderen Stelle. Bis jetzt geht es mir wirklich gut. Nichts von dem was mir prophezeit wurde ist eingetroffen. Ein bisschen Angst flammt immer wieder auf wenn ich von den Anderen höre was sie plagt.
Mein Triumph ist doch das ich noch lebe obwohl man mir schon als Teenager gesagt hat: „ Du wirst nicht älter als Mitte dreißig„. Da fing für mich mein Leben erst richtig an! Mit 35 Jahren habe ich meinen Sohn geschenkt bekommen. Auch in der Schwangerschaft immer wieder die Konfrontation mit der Frage, bin ich krank oder gesund?
Nicht ODER. Ich bin Beides! Gesund und Krank!
Das Kranke begleitet mich aber ich nutze alles Gesunde. Alles was möglich ist habe ich genutzt. Bin aus meiner engen Kindheit ausgebrochen und schneller erwachsen geworden.
Ich kann heute trotzdem immer noch so gut „Kind sein“. Es ist schön Blödsinn zu machen. Sollen die Anderen doch denken was sie wollen.
Ich glaube das ich viele Menschen motiviere aus ihrem Leben das Beste zu machen egal was kommt. Einfach ausprobieren, mutig sein und zuversichtlich in die Welt sehen.
Meine Familie braucht keine Rücksicht auf mich zu nehmen. Ich bin eher der Fels in der Brandung und wenn das Wasser mal über mich schwappt zieh ich mich auch wieder raus.