Heute möchte ich dir, dem Coronavirus einen Brief schreiben. Aber schon bevor ich überhaupt beginne, stocke ich. Wie soll ich dich ansprechen? Liebes Coronavirus? Nein, lieb bist du mir nicht. Verzeih, dass ich direkt so offen spreche. Sehr geehrtes Coronavirus! Wie gefällt dir das? Es zeugt von Hochachtung. Ja, die habe ich allerdings. Sie ist zwar nicht besonders wohlwollend, aber ich habe Achtung vor dir, soviel steht fest. Ich versuche mal ein freundschaftliches Hallo Coronavirus. Hm. Das klingt zu vertraut. Sind wir uns dann vertraut? Nein, ich kenne dich nicht wirklich und du bist mir zum Glück körperlich noch nicht nahe gekommen, obwohl ich dich in vielerlei Gestalt kenne. Aber dazu später. Noch stecken wir im Anfang bei der leidigen Anrede fest. Wie wäre es mit Hi Covid? Nicht schlecht, finde ich.
Allerdings bin ich schon 58 Jahre alt und fühle mich aus dem jugendlich zu geworfenen Hi-Gegrüße herausgewachsen. Nein, es klingt außerdem viel zu beiläufig und wenn unser Miteinander eines nicht ist, dann beiläufig. Wir überspringen jetzt einfach mal die Anrede – ich setze dein Einverständnis voraus.
„Beiläufig“ war das letzte Stichwort. Nein, du gehörst wahrhaftig nicht in die Kategorie „Nebensache“. Du bist so weit davon entfernt wie der Mond von der Erde. Mindestens. So klitzeklein wie du bist – unsichtbar für mich – so wichtig nehmen wir dich doch. Ich sage bewusst nicht, dass du dich wichtig machst. Ich werfe dir nichts vor. Es liegt ja in deiner Natur, dich auszubreiten, dir einen Wirt zu suchen, um dich fortpflanzen zu können. So wie unser aller Bestimmung das Wachstum ist, so ist es auch das deinige. Du fragst dich jetzt sicherlich, warum ich dir überhaupt schreibe. Vermutlich bekommst du reichlich Hass-Briefe. Ich kann es mir lebhaft vorstellen. Heftige Anklagen, zornige Vorwürfe, vielleicht gar Schadensersatzforderungen. Nein, das ist nicht mein Ansinnen. Ich möchte dich einfach an meinen Gedanken teilhaben lassen. Möchte, dass du weißt, dass es außer den oben genannten Anklägern noch andere Menschen gibt.
Fast hätte ich fortgefahren „die dir wohlgesonnen sind.“ Aber so weit reicht meine Toleranz nun auch wieder nicht. Fest steht für mich: Wir beide haben die gleiche Daseinsberechtigung. Wir, die Menschheit, halten uns für hochentwickelt, schaffen es aber nicht, dich zu zähmen oder gar auszulöschen. So sieht es jedenfalls aktuell aus. Wir werden wohl eher noch eine ganze Weile miteinander leben müssen. Ja, wir werden versuchen, dir das Leben schwer zu machen, weil du es uns schwer machst. Weißt du, was ich gar nicht an dir mag? Die Art, wie du den Tod bringst. Mit großer Atemnot. Das ist einfach schrecklich. Das ist grausam. Das ist unmenschlich. Ja, ich weiß, unsere Maßstäbe sind nicht deine Maßstäbe. David und Goliath hatten auch nicht die gleichen Maßstäbe. Ein schlechter Vergleich, denn du wärest David, klein und pfiffig, wie du bist. Aber ich möchte dich nicht siegen sehen. Keinesfalls. Doch gerade deine Winzigkeit fasziniert mich sehr. Du vermagst es, die Welt aus den Angeln zu heben. Du schaffst es, dass sich alle Nationen rund um den Erdball einer gemeinsamen Aufgabe stellen müssen, wenn das Leben sich wieder normalisieren soll. Es führt zwar immer noch nicht zur Gleichheit aller Menschen. Sehr schade übrigens – darin hätte eine große Chance gelegen. Aber dennoch lernen die einen in der Not von den anderen. Nur fallen wieder einmal die armen Nationen durchs Raster. Dort wütest du. Macht dir das eigentlich Freude? Kennst du Gefühle? Ist der Tod eines Menschen für dich ein Sieg? Mir erscheint er, auch im Hinblick auf dein Überleben, sinnlos. Erklär es mir gerne.
Was kann ich dir noch erzählen, was berichten, damit wir uns näherkommen? Ja, du bringst auch Gutes. Ich traue mich kaum, es zu schreiben. Du bringst Ruhe. Zu Beginn war sie lähmend. Inzwischen jedoch wissen viele von uns sie zu schätzen. Nein, vielleicht bringst gar nicht du die Ruhe. Es ist einfach meine Art der Antwort. Andere unter uns antworten mit Angst, wieder andere mit Verzweiflung, mit Zorn, mit Ungläubigkeit. Einige leugnen dich sogar. Kaum zu glauben, aber wahr. Ja, dafür hast du vermutlich nur ein belustigtes, herablassendes Lächeln übrig. Jedenfalls produzierst du reichlich Gefühle und bist der Auslöser für extreme Lebenssituationen. Plötzlich begegnen die Menschen einander in zu großer Nähe oder auch zu großer Distanz. Beides schmerzt. In beidem sind wir ungeübt. Vielleicht bist du ein Lehrmeister? Lehrst du uns doch, dass Pläne sich jederzeit in Schall und Rauch auflösen können. Dass wir unser Augenmerk vielmehr auf das richten müssen, was wirklich zählt im Leben. Auf unsere Beziehungen. Allein sie sind das, was trägt in solchen Zeiten. Die Beziehungen zu anderen Menschen, aber auch und vielleicht ganz besonders die Beziehung zu uns selbst. So versuche ich es einmal mit dieser Abschluss-Anrede: Hochverehrter Lehrmeister! Fühle dich frei, mir zu antworten. Lass uns gerne im Gespräch bleiben bzw. in ein Gespräch kommen. Denn als dein Wirt möchte ich mich nicht zur Verfügung stellen, wohl aber als jemand, der bereit ist von dir zu lernen.
Es fehlt mir nun auch eine Schlussformulierung. Alle Floskeln sind unangemessen.
So verbleibe ich einfach
Ulrike