Das Naheliegende zurzeit ist, sich darüber zu beklagen, dass man nicht in die Ferne reisen kann. Sehr viele Menschen fühlen sich gefangen in den Beschränkungen, die ihnen durch Corona auferlegt werden. Ich aber zähle mich zu den Glücklichen, die darunter nicht leiden, denn ich bin in der Regel nicht viel unterwegs.
Die Vertrautheit mit einem Ort hat viele Vorteile. Warum sonst fahren Menschen über Jahre – Jahrzehnte hinweg das gleiche Urlaubsziel an? Für mich liegen die Vorteile krankheitsbedingt auf der Hand: Ich weiß, dass ich hier gut versorgt bin im Falle der Fälle. Obwohl ich natürlich auch im Fernweh schwelgen und Sehnsüchte kultivieren kann nach Orten weit weg. Allein schon der Abwechslung wegen, die ein Orts- und Klimawechsel in den Alltag bringen, aber auch wegen der Überraschungen, mit denen eine Reise verbunden sein kann.
Doch auch hier ganz in der Nähe, gibt es unendlich viele Möglichkeiten zum Staunen, nie Gesehenes zu entdecken und sich bereichert zu fühlen. Selbst davon nutze ich nur einen Bruchteil. Warum sollte ich also unbedingt in die Ferne aufbrechen müssen und mich in Autostaus einordnen oder Kerosin in die Luft blasen? Ich bin gerne zu Hause, und sollte mich einmal das Fernweh packen, kann ich mir eine entsprechende Lektüre wählen und durch Worte und Sätze Welten entstehen lassen, in die mich kein Flieger tragen könnte. Kann Charakteren begegnen, denen ich nie begegnen würde, auch nicht auf Reisen. Mit Bildern und Filmen kann ich eintauchen in völlig Unbekanntes, nie Erahntes und Fremdes. So reich ist die Welt. So fern jeder Vorstellungskraft manches, so nah anderes. Reisen kann Gewinn sein, auch der kleine Ausflug in die Nähe.
Wenn mich Corona etwas gelehrt hat, dann das: Das, was jetzt ist, geht mir nahe. Das, was hautnah soeben mit mir geschieht, der Moment, ihn möchte ich nutzen. Ich bin mir tatsächlich in der Corona-Zeit um Vieles nähergekommen. Zu erkennen, dass wir mit Gegensätzen zu leben haben, zwischen denen wir uns nicht entscheiden müssen oder können, macht mich ruhig. Es ist an mir, das anzunehmen und das Dazwischen auszuloten, zufrieden zu sein, wenn es gelingt, die Gegenwart mit der Vergangenheit, das Heute mit dem Morgen und das Nahe mit dem Fernen zu verbinden. Im Augenblick ist das Nahe erreichbar und ich konzentriere mich darauf, etwas Besonderes, etwas Hervorragendes darin zu sehen.
Dicht an meinem Fenster vorbei fließt der Rhein, fließt in die Ferne bis ins Meer und von dort aus geht seine Reise weiter. In ganz besonderen Momenten fließen meine Gedanken mit ihm dahin. Dann bin ich ganz bei mir.
Ich bin dankbar, dass ich in keinen Flieger steigen muss, um etwas Erstaunliches zu erleben. Kein Hecheln zum Flugplatz, kein Warten, keine Stornierung. Ich bin einfach da, wo ich sein möchte, in jedem Moment, wenn ich es zulasse.