Hedo, 50, Familienfrau, Heilpädagogin, Musiktherapeutin, aus Thüringen

Mein coronafreier Tag

Nun ist er vorbei, der coronafreie Tag.

Alle hatten sich so darauf gefreut. Ich mich auch. Aber nur ein bisschen. Ich freue mich in der Vorfreude immer nur ein bisschen. Aus Respekt, aus Vorsicht, aus Sorge, dass es dann doch nicht so gut wird, wie es hätte werden können. Aber dann im gelingenden Vollzug und erst recht lange im Nachhinein, wenn etwas gut gelaufen ist, dann kann ich mich heftig freuen.

Mit dem coronafreien Tag verhielt es sich folgendermaßen: alles, was wegen der Corona-Freiheit an diesem Inseltag möglich war, gestaltete sich – eben weil es ohne die Corona-Belästigung stattfand – … – Nun fehlen mir die Worte …

In meinen Bleistift wollen einfach keine konkreten Beispiele purzeln. Und in meinem Gemüt fasst auch nicht solche Leichtigkeit und Unbeschwertheit Fuß, wie ich sie in Barbaras Schreibimpuls hörte. Ich kann jetzt nicht flügelhebend loslegen.

Ich kann nur eine Bilanz aufschreiben. Und die drückt einen gewissen Gleichstand aus. Keine roten Zahlen, keine schwarzen Zahlen. Der coronafreie Tag hatte die gleiche Glücks-Bilanz, den gleichen Glücks-Gehalt wie durchschnittlich alle meine Tage sonst auch und den gleichen Leid-Gehalt wie durchschnittlich alle meine Tage sonst auch.

Gut. Corona war weg; coronafreier Tag eben.

In der Waagschale der „angenehmen“ Aspekte sammelte sich z.B. die unaufgeregte Planbarkeit eines Alltags.

In dieser Waagschale sammelte sich auch die Wiedersehensfreude z.B. beim unmaskierten, abstandsfreien Zusammensein mit Freunden in unserer gastfreundlichen Wohnung.

In dieser Waagschale sammelte sich zudem der Genuss von überwältigender Orchestermusik zusammen mit unzähligen anderen Hör-Durstigen in einem Konzertsaal.

Und da sammelten sich noch weitere positive Sachen.

Komischerweise füllte sich aber eben auch die andere Waagschale – die der „unangenehmen“ Aspekte – mit Sachen, die sich durch den Wegfall von Corona am coronafreien Tag wieder ausgeprägt haben.

Ich nahm mir plötzlich wieder weniger Zeit für meine Familie.

Da verlor jeder Besuch plötzlich seine Einmaligkeit, seine Besonderheit.

Mir kam die Wertschätzung von Kleinigkeiten abhanden.

Da wuchten wieder die altbekannten Alltagssorgen mit ihren immer neuen Gesichtern.

Die Bilanz meines erlebten coronafreien Tages zeigt mir, dass das Glücks- bzw. Leid-Potenzial in meinem Herzen konstant geblieben ist. Die Corona-Realität brachte mich – Gott sei Dank! – bisher nicht an existentielle Abgründe. Und vor Corona registrierte mein Emotions-Seismograf auch schon Verluste, Einschränkungen, Ängste etc. und nicht nur Rosarotes.

Ist das nun gut? Oder ist das nun nicht gut?

Das kann ich mir nicht beantworten.

Ich nehme jetzt die relative Konstanz meines Glücks- bzw. Leid-Potenzials wahr. Die behält auch Gültigkeit, wenn ich diesen Waagschalen-Vergleich in verschiedenen Phasen meiner ganzen Lebensspanne anstelle.

Ich spüre nur einen tiefen Wunsch. Und der ist, dass wir doch alle nicht nur auf Corona oder Nicht-Corona fixiert leben, sondern genug Lebensweisheit entwickeln (bzw. uns einander dabei behilflich sind), das Leben, wie es ist, zu

bestaunen, zu

verehren und zu

gestalten;

verantwortungsvoll (also mit lebenserhaltenden, klugen, nachhaltigen Antworten) und zugleich lustvoll (mit z.B. dieser überschwappenden Unbeschwertheit von Barbaras Schreib-Impuls).

Hey!

Morgen fängt voraussichtlich wieder ein Tag an. Mit oder ohne Corona. Wahrscheinlich wird es einer „mit“.

Barbara`s Schreibimpuls hatte zwar viel Kraft, aber wohl leider nicht genug zum realen, dauerhaften Corona-Wegfegen.

Wegfegen wird sowieso keine Option für diesen globalen Sachverhalt sein. Wir sind herausgefordert zu viel anstrengenderen Lösungen; zum Aushalten; zum Anpassen; zum Klüger-Werden; …

Wie schön, dass mich der neue, nicht-coronafreie Tag voraussichtlich wieder geduldig üben lässt, geduldig mit mir und mit ihm zu sein; und dass er mir zugleich sicher wieder neue Ungeduld ins Herz pflanzt …

Auf jeden Fall gehört er mir.