Marie (68), Norddeutschland, Erzählerin, Autorin

Sätze, die mir derzeit oft im Kopf herumgehen

Ich will nicht über Corona schreiben.
Ich will nichts über Impfungen hören.
Heute Morgen wieder diese Impf-Nachrichten!
Ich möchte Ordnung in das Chaos im Kopf kriegen.
Wie finde ich – trotz Corona – einen Weg aus Corona hinaus?
Ich sorge mich um die toten Städte.
Ich habe Angst.
Angst ist seit einiger Zeit mein ständiger Begleiter.
Ich möchte meiner Angst ‚Herr‘ werden.
Ich möchte Meisterin oder Königin meiner Angst werden.

Ich möchte Königin, Meisterin meiner Angst werden

Nach all meinen Stoßseufzer- und Wutsätzen ist plötzlich dieser Satz da. Nach all den Ängsten, dem ungläubigen Staunen über das, was gerade in unserem Land passiert, tut sich plötzlich dieser Satz auf. Anfangs nannte ich es noch ‚Herr‘ dieser Angst. Aber nein, regt sich sogleich der Widerstand in mir. Wir versuchen ja gerade, ‚Herr‘ über ein Virus zu werden. ‚Herr‘ zu werden: Das scheint nicht zu gelingen. Die Erfahrungen der vergangenen Monate lehren es uns. Aber Meisterin oder gar Königin meiner Angst zu sein: Ich spüre, dass sich bei diesem Gedanken mein Nacken entspannt. Auch wenn ich noch nicht weiß, wie diese Meisterinnenschaft, diese Königinnenschaft aussehen könnte.

Wir stehen ja vor einem Problem, das mir unüberwindlich erscheint. Das Bild, das ich im Augenblick dazu habe, ähnelt einer Geröllhalde, aus der sich langsam eine Lawine in Gang gesetzt hat, und es nicht sicher ist, ob sie uns nicht überrollt. Ich meine nicht die Viren-Lawine. Ich meine die Maßnahmen-Lawine, die Regelungs-Lawine, die durchs Land rollt, und wir befinden uns mittendrin.

Das System lässt sich nicht ändern, hab ich kürzlich vom Neurobiologen G. Hüther gehört. Man kann ja nicht einmal einen anderen Menschen ändern. Das sei der sicherste Weg, um unglücklich zu werden, weiß ein anderer Guru. Da bin ich also auf mich geworfen und darauf, mich selbst zu ändern. Aber wie? Inmitten einer Geröllwüste, aus der das Lebendige langsam entweicht?

Es kann, das wird mir gerade in diesem Moment bewusst, nur in sehr kleinen, vorsichtigen Schritten gehen. Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen, um ja nichts loszutreten. Oder nur das, was irgendwie auch beherrschbar ist. Und gleichzeitig gilt es, aufzupassen, dass man nicht selbst losgetreten wird. Komische Gedanken, die mir da durch den Kopf gehen.

So suche ich erst einmal einen Raum auf, der sicher ist: Zu Hause. Im Arm des Liebsten. Im Bett. Auf dem Sofa. In der Küche. Beim Backen oder Kochen. Oder immer wieder Räume, in denen Kraft-Tanken möglich ist: Im Freien. Beim Gang um den See. In einem heißen Bad voller Düfte. Bei einem ermutigenden Vortrag. In einem Telefonat mit einer lieben Freundin. Schnee räumen. Malen. Schreiben. Und heute leiste ich mir etwas ganz Verwegenes in diesen Zeiten: Ich gehe zum Bäcker, hole mir einen Kaffee und setze mich bei Minusgraden auf den menschenleeren Marktplatz. Es kann kaum glauben, wie sehr ich das genieße.

Bis schon auf dem Nachhauseweg die Sorgen mich einholen. Ängste, weil gerade soviel kaputt gegangen ist. Jetzt schon. Mich interessiert nicht, ob zu Ostern der Reiseverkehr wieder fließen kann. Für einen Urlaub ist längst kein Geld mehr da. Mal wieder in ein Restaurant gehen. Wie schön wäre das! Aber die Restaurants unserer Kleinstadt sind geschlossen, viele werden es bleiben. Die Einzelhandelsgeschäfte sind zu, statt dessen machen Aldi, Lidl und Co die großen Geschäfte.

Kultur? Gab es hier sowieso schon wenig. Ach nein, das stimmt nicht. Es gibt so viele kreative Menschen, die ehrenamtlich Kultur organisierten, um das Leben hier auf dem Land zu bereichern. Künstler, die für kleine Gagen auftraten, treten jetzt eben gar nicht mehr auf. Wie ich sind viele Veranstalter am Boden, die Künstler und ihr Publikum auch. Kultur ist ja nicht nur Konsum. Ist nicht nur Hören und Sehen. Ist auch Treffpunkt und Kommunikation. Ist Gespräch, ist Lachen. Sehen und gesehen werden. Ist liebevolle, freundliche Begrüßung, ist Kontakt. Wie mir das alles fehlt!

Es sind die kleinen Veranstaltungen, die ich vermisse, in der Kirche, im alten Bahnhof, im Café nebenan. Die großen Veranstaltungen in der Stadt, die Prestige-Veranstaltungen – die muss man sich erst mal leisten können. Die großen Veranstalter wird es wahrscheinlich weiter geben. Aber vieles andere wird ausgeschlossen bleiben.

Natürlich, denke ich als Meisterin meiner Angst, natürlich wird es wieder neue Pflänzchen geben. Die Kreativen werden wieder erwachen. Sie werden Samen säen, Pflänzchen pikieren und Bäume pflanzen. Aber bis dahin wird noch vieles eingehen, denn die Regelungswut wird nicht einfach einzudämmen sein. Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest, steige ab, heißt ein indianisches Sprichwort. Davon, so scheint mir, sind Politik, Verwaltung und Gesellschaft meilenweit entfernt.

Ich wünschte – und damit komme ich zum ersten Satz meiner Schreiberei zurück – ich wünschte, wir würden alle zu Meistern und Meisterinnen unserer Ängste werden. Damit die Ängste nicht uns be-herr-schen, sondern wir mit ihnen leben können und uns von ihnen den Weg weisen lassen.

Ja, ich weiß schon: Ich kann nur mich selbst ändern. Das aber ist die viel versprechende Möglichkeit, auch in Pandemie-Zeiten lebendig zu bleiben.