Miriam, 38, Mutter und Lehrerin

Zwischen Sollen und Wollen

Wo ist mein guter Platz zwischen Sollen und Wollen?

Im besten Fall gehen die beiden Hand in Hand. Oder links und rechts bei mir untergehakt.

Im besten Fall will ich, was ich soll.

Im besten Fall mache ich aus dem Muss einen Kuss und bin im Fluss.

Doch der beste Fall ist nicht immer der Fall.
Vor allem nicht, was Corona und die damit verbundenen Einschränkungen und Verordnungen betrifft.

Meine persönlichen zehn Corona-Gebote lauten:

1.      Gebot: Du sollst nicht berühren.

2.      Gebot: Du sollst eine Maske tragen.

3.      Gebot: Du sollst deinen Eltern nicht zu nahe kommen.

4.      Gebot: Du sollst keine Freunde treffen.

5.      Gebot: Du sollst in jedem Menschen einen potenziellen Überträger sehen.

6.      Gebot: Du sollst dich impfen lassen.

7.      Gebot: Du sollst dich testen lassen.

8.      Gebot: Du sollst alles glauben, was man  dir sagt.

9.      Gebot: Du sollst nicht singen.

10.    Gebot: Du sollst in Angst leben.

Gebote machen Sinn, das weiß ich: als Christin, als Bürgerin eines Staates mit einem größtenteils funktionierenden Rechtssystem, als klassenführende Lehrerin, als Mutter.

Ohne Regeln geht es nicht. Ganz klar.

Trotzdem möchte ich mir die Frage erlauben, was ich eigentlich WILL, neben allem, was ich SOLL. Damit ich das Gespür dafür nicht verliere, und damit ich meinen guten Raum zwischen Sollen und Wollen einnehmen kann.
Ich stelle also meinen zehn persönlichen Corona-Geboten meine zehn persönlichen Wünsche gegenüber:

1.      Wunsch: Ich will berühren und berührbar sein.

2.      Wunsch: Ich will mein Gesicht zeigen und Gesichter sehen.

3.      Wunsch: Ich will meinen Eltern und meiner Familie nahe sein.

4.      Wunsch: Ich will meine Freunde treffen und echte Begegnungen erleben.

5.      Wunsch: Ich will in jedem Menschen das sehen, was er ist: ein Mensch.

6.      Wunsch: Ich will mir keine Angst einimpfen lassen.

7.      Wunsch: Ich will nicht auf Testergebnisse reduziert werden.

8.      Wunsch: Ich will meinen Hausverstand und meine innere Wahrheit nicht verlieren.

9.      Wunsch: Ich will singen.

10.    Wunsch: Ich will in Freude leben.

Wo ist nun mein guter Platz zwischen den Geboten und den Wünschen, zwischen Sollen und Wollen?

Vielleicht im Rollen.

Ich meine das Verb „rollen“, nicht den Plural „die Rollen“.

Wobei, auch meine Rollen können mir möglicherweise helfen, die beiden Gegensätze gut auszuhalten. In meiner Rolle kann ich mir weniger Freiheiten erlauben als in meiner Rolle als Mutter, Tochter, Schwester, Freundin, Schreibende. Das ist einfach so, und wenn ich das weiß, kann ich besser damit umgehen.

Ich kann mich also situationselastisch zwischen meinen Rollen hin und her bewegen. Damit bringe ich die Dinge ins Rollen. Wenn ich wendig und geschickt bin, kann ich mich leichter mit Veränderungen leben.

Die anfängliche Corona-Schockstarre ist zum Glück vorbei.

Ich bin in Bewegung, und ich bin nicht allein.

Wir können uns nicht uneingeschränkt, aber doch sehr frei bewegen.

Wir können uns aufeinander zu bewegen und finden neue Wege dafür.

Vor allem aber bewegt sich viel in unserem Inneren.

In meinem Inneren. Zurück zu mir.

Das ist wohl die Bewegung, die ich durch Corona am meisten trainiert habe: zurück zu mir.

Rollen… Rolle vorwärts, Rolle rückwärts… ja, es geht ziemlich rund seit einem Jahr. Da könnte einem manchmal schwindlig werden. Andererseits sind solche Drehungen manchmal nicht schlecht, um sich neu zu sortieren und neue Perspektiven einzunehmen.

Meine Perspektive für mein Leben zwischen Sollen und Wollen: Rollen.