Lupa, 63 Jahre alt, verheiratet, keine Kinder , aber eine süße Nichte, wohnt in einer Großstadt in Italien und arbeitet als freiberufliche DAF Lehrerin in der Erwachsenenbildung

Abwartend bereit

Soll ich mich trauen? Bin ich zu feige? Zu mutig? Handle ich unverantwortlich, wenn ich mich zu sehr traue?

Seit November 2020 traue ich mich weniger. Da ist ein kerngesunder gleichaltriger Bekannter innerhalb von 3 Wochen an Covid verstorben.

Eine Angst stieg in mir hoch, wie ich sie auch im harten Lockdown im Frühling 2020 nie verspürte. Und sie lähmte mich. Nichts ging mehr. Ich verfiel in einen Wartemodus und bewegte mich wie eine Schnecke.

Im Sommer 2020 stand ich  nach anfänglichem Zögern  schnell wieder in den Startlöchern, bin  U-Bahn gefahren, geflogen, im Zug gereist, ins Schwimmbad gegangen, habe in Hotels übernachtet, in Restaurants gegessen und Freunde zu mir nach Hause eingeladen.

Nun  wäre ich  wieder bereit. Eine ganz persönliche Bereitschaft.

Eine geballte Sehnsucht zieht mich nach draußen. Aber dieses Draußen, wo genau beginnt es  für mich? Meine Grenzen haben sich verschoben. Das verunsichert mich. Was ist noch möglich? Was ist schon möglich? Was fühlt sich genau jetzt gut für mich an?

Ganz vorsichtig strecke ich  meine Fühler aus dem Schneckenhaus und taste mich vor: ein erster Arztbesuch nach einem Jahr, ein Spaziergang mit Freunden im Park, eine Gruppenstadtführung, ein Besuch bei der Nachbarin, eine Kleinigkeit in der Bar essen, öfters wieder die Nase in ein Geschäft stecken, das keine Nahrungsmittel verkauft; beginnen, optimistisch den Sommerurlaub zu planen.

Ein bisschen weniger abwartend und anders bereit.