Milena, 57 Jahre, Mutter dreier Student:innen, die in der Republik verstreut sind, Sozialpädagogin in Vollzeit, aus dem Ruhrgebiet, Hausgemeinschaftlerin

Corona betrifft mein Leben heute anders als zu Beginn der Pandemie…

…der ich damals mit Pragmatismus zu begegnen versuchte.

Damals! Da standen – trotz allem – verheißungsvoll Frühling und Sommer vor der Tür, begleitet von dem beschwichtigenden Gedanken:“ Ewig wird das schon nicht dauern.“  Nicht ewig …also ,wie lang? Dieses „Nicht ewig“ dauert nun schon ein knappes ganzes Jahr an.

Was hat sich verändert? Was hat sich in mir verändert? Was hat sich da herein geschlichen in mein Dasein, bei allen Bemühungen, das Gute im Schlechten zu sehen und bei dem Bestehen darauf, mir von Corona nicht all das nehmen zu lassen, was mir das Leben lebendig, lebenswert und lebensfroh macht?

Gemeinsam mit meiner neunjährigen Nichte fertigte ich damals eine Liste mit den Dingen an, denen Corona nichts anhaben kann und die wir deshalb hochleben ließen, angefangen vom Witze erzählen bis zum „Auf Bäume klettern“.

Und was nun? Heute? Hier? Jetzt? Vor ein paar Wochen fiel mir plötzlich auf, wie langsam, fast unmerklich, es in mir Platz genommen hatte, dieses bleierne Gefühl, die dumpfe Schwere, und wie unmotiviert ich geworden war: Meine beiden engsten Freunde, mit denen ich Zeit und Nähe teile – meine einzigen nicht coronakonformen Überlebenskontakte – hatten mich zu einem gemeinsamen Essen mit anschließendem Filmabend eingeladen. An dem Tag merkte ich schon früh, wie matt und erschöpft ich mich fühlte. Das wurde im Verlauf des Tages nicht besser. Schließlich sagte ich sie ab, die einzige Aussicht auf eine inspirierende Abendverabredung in dieser Woche. Innerlich schon auf dem Rückzug aufs Sofa.

Zu meinem Glück kennen mich meine Freunde sehr gut. „Ja, Milena“, sagte Peter am Telefon, „Ich verstehe, dass Du kaputt bist, dass die Arbeit anstrengend war und dann dieser elendsgraue Tag heute. Aber: Es ist Coronazeit! Da ist es nicht gut, abzusagen. Wir brauchen uns doch alle gegenseitig und außerdem war ich schon in Vorfreude auf Dich und unser Zusammensein zu dritt! Deshalb habe ich mir überlegt: „Wenn Du Dich nicht mehr auf den Weg machen willst oder kannst, dann tu ich es. Du gehst nur bis vor Deine Tür, wartest da auf mich, und ich hole Dich ab.“  Und so taten wir es.

Das liebevoll zubereitete Essen in wunderbarer Gesellschaft, es schmeckte vorzüglich, genauso wie der Wein.  Wir prosteten uns zu: „Auf das Leben! A la vida!“ Der Film, den wir sahen, berührte uns und es entwickelte sich im Nachgang ein lebhaftes Gespräch. Belebt, so froh, meinem Freund so dankbar, stapften wir durch die verschneite Nacht zurück nach Hause. Ein Glück!

Da hatte mein Freund mir diese schwere graue Decke weggezogen, die mich fast dazu gebracht hätte, der Welt den Rücken zu kehren. Plötzlich ging mir auf, dass es genau das ist, worum es geht: in Kontakt, in Verbindung mit anderen Menschen zu sein, zu bleiben und uns gegenseitig unserer Freundschaft zu vergewissern. Uns zu vergewissern nicht allein zu sein.

Die Frage, wie viele Begegnungen ich denn diese Woche „en vivo“ hatte , ergänzte ich um die Frage: Was brauche ich denn, um mich lebendig zu fühlen, um gut durch diesen Alltag zu kommen, neben dem Acht-Stunden-Home Office-Tag?

Ich beschloss, mein Augenmerk entschiedener darauf zu richten , Menschen, Menschen!!! zu treffen, einzeln, zu Abstandsspaziergängen, und diese in die Mittagspause zu legen. So scheint es gut für alle Beteiligten zu sein. Wir spazieren durch das nahe Wäldchen, plaudern, sprechen von dem, was uns auf der Seele liegt, können gemeinsam durchatmen, in den hohen Himmel schauen und dort die ersten Formationen von Wildgänsen bewundern, die zu uns zurückkommen… egal, was so ein Virus dazu sagen mag.

Mit diesen wunderbaren Intermezzo, der Erfahrung, gemeinsam unterwegs zu sein, kehre ich erfrischt an den Schreibtisch zurück und starte den zweiten Teil des Arbeitstages mit einem fein zubereiteten Kaffee samt köstlicher Milchschaumhaube.