MarieRose, fast 70-jährige Rentnerin mit kleiner Naturheilpraxis in der Mitte Deutschlands, lebt als Single in einem Wohnprojekt

Drinnen oder draußen?

Bin ich drinnen, gehöre ich dazu  – Bin ich draußen, fühle ich mich ausgeschlossen.

Seit Tagen treibt mich die Frage um: Was entwickelt sich gerade in unserer Gesellschaft? Hier in Deutschland, in meiner Stadt, in meiner Familie, meinem Freund*innen-Kreis? In meinem Zuhause – einem großen Wohnprojekt mit den unterschiedlichsten Menschen?

Wird es irgendwann so sein, dass ich nur dann dazugehöre, drinnen bin, wenn ich geimpft bin? Werde ich ausgeschlossen, wenn ich mich entscheide, mich nicht impfen zu lassen?

Wieso taucht diese Frage plötzlich so dringlich und sorgenvoll auf? Seit Monaten beschäftige ich mich intensiv mit den medizinischen Aspekten der Covid-19-Impfung. Lese dazu und höre Fachvorträge, meine Informationsquellen sind vielfältig und ich versuche, seriöse Beiträge von populistisch-tendenziösen zu unterscheiden.
Rede viel mit Menschen in meinem Umfeld, tausche mich mit Kolleginnen aus, begleite in meiner Naturheilpraxis auch ältere oder komplex erkrankte Menschen, die deutlich zur Risikogruppe gehören. Habe mich so tief eingearbeitet, dass ich sie unterstützen kann in ihrer Impfentscheidung oder sie auch nach Impfungen behandeln kann, wenn Reaktionen auftreten.

In den letzten Wochen hatte ich beruflich mehrfach zu tun mit familiären Krisen, die durch die Impfthematik auftauchten. Mich erschreckt die Intensität, die diese Frage aufwirft: Da geht ein Riß zwischen Paare, zwischen die Generationen. Vorwürfe, Vehemenz in der Argumentation, großes Bemühen, die jeweils anderen überzeugen zu wollen von der eigenen Meinung. Manche gehen heimlich zum Impftermin, um Diskussionen zu entgehen.
Ich versuche dann zu informieren, abzuwägen, zu schlichten, systemische Lösungen anzubahnen, werbe für Akzeptanz des je individuellen Gesundheitsweges.
Und natürlich bin ich selbst nicht außen vor. Natürlich frage ich mich von Anfang an: Würde ich mich impfen lassen, wenn es irgendwann einen Impfstoff gäbe? Und dann war er da, schneller als erwartet. Die Frage entwickelte sich vom Konjunktiv und fernen Futur zum ernsten, immer näher rückenden ‚Werde ich mich impfen lassen?‘

Zunächst war ganz klar: ‚Impfen – ICH doch nicht!‘ Dies hat mit meinem tiefen Vertrauen in meine  Immunkräfte zu tun und mit dem Wissen um die Kraft der Heilmittel, die mir zur Verfügung stehen im Falle einer Erkrankung. Hat zu tun damit, dass ich keine Angst vor einer Covid-Infektion habe. Respekt ja, das haben mich die letzten Monate gelehrt, aber eben keine Angst, aus der mich nur eine Impfung befreien könnte.

Mit der Zeit habe ich mir erlaubt, differenzierter zu empfinden und mich von diesem starren ‚ICH doch nicht!‘ hin zu einem ‚Ich schließe es nicht mehr kategorisch aus‘  zu bewegen. Es mal in Erwägung ziehen und durchspielen, und ja, ich konnte es mir langsam auch für mich vorstellen. Wenn die Situation es erforderlich machen würde, wenn ich zum Beispiel Berufsverbot bekommen würde ohne Impfausweis, dann würde ich es bedenken.
Ich war froh über diese innere Wendigkeit und sprach es auch an, in vertrauten privaten Zusammenhängen oder mit Kolleginnen. Traf auf offene Ohren, hatte erst mal meinen Frieden damit: O.k., so kann ich mit dem Thema sein und schauen, wie sich alles weiter entwickelt.

Doch zurück zum drinnen und draußen. Vor ein paar Tagen ergriff mich Sorge und Unruhe. Die ersten Menschen in meinem Umfeld sind geimpft – Ältere über 80, Jüngere aus medizinischen Berufen. Die Frage rückt näher, für alle. Der Lockdown zieht sich hin wie ein zäher Brei, Ende nicht in Sicht. Die Städte trostlos. Welche Freude über die Farbtupfer der gerade wieder geöffneten Blumenläden! Kleine, kleine Schritte. Ansonsten verschlossene Geschäfte oder gar Leerstand wegen Geschäftsaufgabe. Trostlos.

Ich habe mich in meinem Corona-Alltag arrangiert. Mache das Beste aus der Situation, kann arbeiten, treffe Menschen – handverlesen, drinnen und draußen, zum gemeinsamen Essen oder Spazierengehen, Umarmungen sind Kostbarkeiten. Schätze die Möglichkeiten des Internets, sorge gut für mich, freue mich über die erwachende Natur, mache Reisepläne für September.

Doch – welche Stimmung entwickelt sich gerade? Ein Beispiel: Mit ein paar Nachbarn überlege ich, ob wir mal wieder Canasta spielen, zu viert. Ein Paar, zwei Singles, macht drei Haushalte. Hmmm, geht ja EIGENTLICH nicht. Eine sagt: ‚Ich bin geimpft, dann dürfen wir doch, oder?‘

Was, wenn das zukünftig die Standardfrage wird, der entscheidende Faktor, ob du dabei sein darfst oder nicht? Für große Kultur- oder Sportveranstaltungen wird es womöglich Impfpässe geben. Wenn du ihn hast, darfst du rein. Wenn nicht, darfst du dich fühlen wie das Hündchen vor dem Fleischerladen: „Wir müssen leider draußen bleiben.“

Ich nehme wahr, dass Etliche aus meinem Umfeld eine solche Entwicklung kommen sehen, sie teils auch richtig und gerecht finden und schon jetzt entschieden sind, sich impfen zu lassen, um all diese Freiheiten wieder haben zu können. Kultur, Essen gehen, Freunde treffen, Reisen…

Ich erschrecke und verstehe: Die Impf-Entscheidung wird immer mehr zu einer gesellschaftlichen. Ist nicht mehr ausschließlich ein Abwägen medizinischer Fakten, des persönlichen Risikos oder des individuellen Gesundheitsweges, sondern die gesellschaftliche Situation und die politischen Vorgaben werden immer größeren Einfluss auf diese Entscheidung haben. Auf eine Entscheidung, die doch EIGENTLICH eine zutiefst private ist. Das Private ist politisch, hieß es früher nicht schon so?  Aber soll das Private auch öffentlich sein?

Immer deutlicher nehme ich wahr: Das Thema kriecht hinein in mein ganz persönliches Leben, kommt mir sehr nahe: In den Freundeskreis, in meine Familie, in mein Wohn-Umfeld, in meinen Alltag. Ich kann es nicht mehr draußen lassen, bei den anderen, muss mich fragen:

Will ich drinnen sein oder draußen?
Die Antwort lautet: Ich will mir selbst treu bleiben, will keine Spaltung. Werde mich einsetzen für Akzeptanz und Toleranz der jeweiligen Entscheidung. Will weiterhin gemeinschaftlich und in menschlicher Verbundenheit leben, jenseits des ‚Bist du oder bist du nicht?‘