Anka, 65 Jahre, 2fache Mama u. Oma, nach 45 Berufsjahren jetzt in Rente

Und täglich grüßt das Murmeltier

Ja wie geht es mir in diesen verrückten Zeiten? Schon seit 1 Jahr ist nichts mehr wie es war. Alles, aber auch alles ist weggebrochen.

Im Dezember 2019 habe ich noch voller Freude und Lebenslust meinen Rentenbeginn auf einer Namibia – Reise gefeiert. Endlich frei ! Keine 2 Monate später war es aus mit der Freiheit. Die dunkle Wolke der Angs umhüllt mich, macht mich unfrei. Wie geht es weiter? Keine unbeschwerten Familientreffen, keine Aktivitäten und Austausch mit lieben Freunden, keine Ausflüge, kleine und große Reisen.

Statt dessen entdeckt man die Einsamkeit. Bin ich einsam, bin ich alleine? Ich stapfe alleine durch Wald und Wiesen, kann sehen wie unser Wald leidet an manchen Stellen apokalyptisch. Passt zu meiner Stimmung – irgendwie surreal. Doch an vielen anderen Stellen in der Natur begrüßt mich der Frühling, recken kleine Blümchen ihre Köpfchen der Sonne zu und von Tag zu Tag erfüllt mich das junge Grün mit mehr Freude. Es ist eine neue Qualität de Erlebens. Ich bin viel unterwegs – alleine unterwegs. Über das, was ich mir in meinem Leben so oft gewünscht habe , endlich mal alleine, nur für mich da zu sein – mache ich mir jetzt allzu oft meine „Ja wie geht es mir in diesen verrückten Zeiten? Schon seit 1 Jahr ist nichts mehr wie es war“ Gedanken.

Denn jetzt habe ich Zeit, alle Zeit der Welt, um mit meinem Rhythmus zu leben. Doch der muss erst einmal gefunden werden. Abends, wenn ich ins Bett gehe beschleicht mich der Gedanke: Das wars wieder für heute. Bald, sehr wahrscheinlich nach einer unruhigen Nacht werde ich wieder wach, dann geht alles wieder von vorne los. Und täglich grüßt das Murmeltier… Warum bin ich nicht uneingeschränkt dankbar, dass alles nach meinem Rhythmus geht, endlich gehen kann?

Im Grunde genommen doch eine alte Sehnsucht von mir, aber es wird mir aufgezwungen durch den Coronavirus, der die Welt in Angst und Schrecken versetzt. eine andere Wahl habe ich nicht. Und ich erkenne, dass das Gebrauchtsein in Familie und Beruf wohl sehr wichtig für mich war. Obwohl ich sehr oft s so empfunden habe, dass ich funktionieren muss wie der Hamster im Rad. Jetzt erkenne ich, dass es gut war und dass alles seine Zeit hat. Es war gut. Kein Zaudern mehr mit der Vergangenheit. Und jetzt ist es wohl auch gut, wie es ist.

Das Murmeltier, das mich täglich grüßt reckt sein Köpfchen mir entgegen und grinst mich an. Na, was machen wir denn heute? Und auf einmal fallen mir viele Dinge ein, die unerfüllt in meinem Unterbewusstsein schlummern. Irgendwie entdecke ich mich bei allem Frust und Sorge über das Virus neu. Ich war nicht gerade der Technik – Freak, aber jetzt nutze ich die neuen Medien, den virtuellen Raum auf verschiedenste Art und Weise. Sogar Treffen mit Freunden können auf diesem Weg meinen Alltag bereichern. Ich ordne mich neu – alles ist anders und neu.

Doch das Gefühl beim abends beim Zubett gehen bleibt… das Murmeltier grüßt auch morgen wieder. Man versucht auch morgen wieder den von außen eingeschränkten Tag alleine zu gestalten. Wie wäre es denn mit einem Partner an meiner Seite? Besser? Schlechter? Bin mir darüber unschlüssig, aber ich bekomme in diesen Zeiten doch immer mehr Klarheit darüber, dass ich im Alter so ganz alleine nicht mehr leben will. Es wäre schön, wenn man in einer Gemeinschaft, in der jeder seinen eigenes Reich hat, leben könnte.

Das wird wohl irgendwie mein Fernziel sein, wenn Corona nicht mehr das Leben bestimmt. und doch – trotz aller Einschränkungen – gibt mir das Virus die Gelegenheit, mich selbst zu leben und zu erkennen. Mich mit Malen, fotografieren, schreiben, lesen, neuen Medien zu beschäftigen. Aber auch, mich mit alten Ängsten, Verletzungen, Vorstellungen, Lebensmodellen auseinander zu setzten. Immer wieder, gezwungenermaßen, Weil mir das Murmeltier sonst zu sehr auf die Pelle rückt.

Am Ende sehe ich für mich doch auch viel Positives, obwohl ich mir den Beginn als fitte Rentnerin so ganz anders vorgestellt hätte. Natürlich hoffe ich trotz allem Positiven, was ich auch sehen kann, dass die Zeit der Angst, der Krankheit, den Verlusten und der äußerlichen Einschränkungen bald vorbei ist. Und ich hoffe, dass das sonst so normale und kaum beachtete Miteinander als wirkliches Geschenk bewusst erlebt wird.

Und täglich grüßt das Murmeltier?

Ein beträchtliches Lehrstück in der Schule meines Lebens.