Zukunft – Vergangenheit. Bereits die Reihenfolge dieser beiden Worte triggert mich: Zukunft vor Vergangenheit. Und was ist jetzt, zwischen den beiden, inmitten der beiden? Gegenwart. Die Gegenwart, die sich aus der Vergangenheit, aus den Erfahrungen der Vergangenheit speist und die Gegenwart, die sich mit ihren Aktivitäten auf die Zukunft ausrichtet. Zumindest ist dies in meinem Lebensfluss so. Und jetzt? Lebe ich ganz in der Gegenwart oder verbringe ich viel Zeit in Gedanken an Vergangenes, in Träumen über noch Kommendes?
Leben geht ja immer nur jetzt, sollte man meinen. Momentan habe ich seit etwa zwei Wochen eine Phase, in der mich dystopische Romane heiß begeistern, düstere, erschreckende Zukunftsvisionen, einige davon gar nicht so weit in der Zukunft, nur wenige Jahre entfernt. Wie gut, dass niemand wirklich weiß, welche Lebensbedingungen die Zukunft für uns bereit hält, auch wenn wir auf einiges aktiv Einfluss nehmen können, glauben wir zumindest.
Aktuell bin ich auch immer wieder in der Vergangenheit, an einem ganz bestimmten Punkt. Vor zwei Tagen am Frühstückstisch brach ich in Tränen aus, nicht ganz unvermittelt. Mir war durch den Sinn gegangen, dass genau vor einem Jahr der Tag war, an dem ich meine Mama zum letzten Mal in ihrem Zuhause besucht habe. Sogar gewandert sind wir bei Sonnenschein, da war sie allerdings schon sehr erschöpft. Ab jetzt, wenn ich zu der Zeit vor genau einem Jahr zurück blicke, gibt es nur noch die stetig kritischer werdende Lage ihrer Gesundheit, dazu, ganz am äußersten Rand der Wahrnehmung, bald der erste Lockdown, der die Unmöglichkeit mit sich brachte, Mama noch öfter zu besuchen.
Jetzt, heute, bin ich wach, fühle mich frisch und gelassen, inspiriert vom Schreiben und in Anbetung der prachtvollen Sonne da draußen. Sonne ist immer und immer heilsam für mein ganzes Wesen. Zumindest gehe ich davon aus, dass Sonne immer ist und sein wird. Ist das naiv? Bin ich nicht auch genauso selbstverständlich davon ausgegangen, dass mein Leben hier im Westen, in einem demokratischen Land, wohlhabend und friedlich, immer so sein wird? Ein paar technische Neuerungen vielleicht, ein paar Ideen, wie sich Zusammenleben noch gerechter, noch bewusster gestalten lässt, die Intensivierung der Bemühungen um unser aller umweltverträglicheres Leben – mit all dem hatte ich gerechnet.
Jetzt scheint ein Virus die Welt, das Alltagsleben zu beherrschen und alles und jeden zu beeinflussen – und sei es auch nur im ganz Kleinen. Die Selbstverständlichkeit, die Unbefangenheit sind weg, nicht mehr gegeben. Man sagt ja, dass Störungen, die uns zwingen, unser Gewohntes, unsere Komfortzone zu verlassen, uns aufwecken können, dazu dienen können, wieder genauer hin zu schauen und hin zu spüren. Was lebe ich da eigentlich? Wie habe ich mich hier eingerichtet? Was nehme ich als selbstverständlich und gegeben an, obwohl doch nichts in der Welt selbstverständlich ist?
Wie mag es den Menschen gehen, die jetzt ihre Jobs, ihre Geschäfte, ihre Unternehmen nicht mehr halten können? Auch sie waren vermutlich davon ausgegangen, dass ihr Lebenswerk, ihr Lebensinhalt oder doch zumindest ihre Existenzgrundlage immer so weiter laufen würden, sich vielleicht verbessern oder vergrößern ließen. Aber es waren wohl kaum Gründe vorstellbar, warum auf einmal alles ohne eigenes Zutun verloren sein sollte.
In dieser gleichen Gegenwart gibt es auch Menschen, die irgendwann in der Vergangenheit aus anderen Gründen als Corona ihre Lebenswerke, ihre Heimat verlassen haben, alles zurück gelassen, sich auf den Weg gemacht, in der Hoffnung, an einem sichereren, besser gestellten Ort noch einmal ganz neu zu beginnen. Wie mögen diese Menschen in dem Spannungsfeld von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und dazu dem Umgang mit Corona empfinden?
In meinem eigenen Leben kann ich zunehmend besser ganz da sein. Als anpassungsfähig habe ich mich schon vor Corona betrachtet, es als eine Stärke angesehen und das ist es auch, macht mir das Leben im aktuellen Jetzt leichter. Mit Gleichmut trage ich Maske beim Einkaufen, in öffentlichen Verkehrsmitteln und in meiner Arbeit im direkten Kontakt mit Menschen. Ich weiß, dass in der Innenstadt nur ein paar Bäcker und die Drogerie geöffnet haben und ich stelle mich darauf auf, wenn ich los gehe. Auf ganz vielen Ebenen spüre ich keinen Unterschied zu “vor Corona”, zu damals, als wir das Leben noch als selbstverständlich annahmen. Das tue ich seit Mamas Tod ohnehin nicht mehr. Interessant, dass ihr Sterben genau in diese Zeiten fiel. Ich hätte mich gern mit ihr ausgetauscht, wüsste gern, wie sie dies alles erleben und für sich gestalten würde. Vermutlich wären viele unserer Erfahrungen ähnlich. Zum Beispiel die heilsame und wohltuende Wirkung, die die Natur auf uns hat, das Draußensein, Wandern, Schauen, Staunen, Schnuppern, Lauschen oder das genussvolle Herumwerkeln in unserem Zuhause, es noch ein bisschen netter und hübscher zu machen, besonders lecker und gesund zu kochen oder auch das Zusammensein mit unseren Männern und die Zufriedenheit darin.
Ich hatte dem Jahr 2020 eine verheißungsvolle Bedeutung beigemessen, wahrscheinlich der tollen Zahlen wegen. Bereits im Januar war mein Jahr voll geplant mit großartigen, außergewöhnlichen Terminen: eine Woche Tanz- und Embodiment Workshop mit internationalen Lehrern und Teilnehmenden, eine Woche Segeln auf dem Ijsselmeer, eine Woche Kinderzeltbetreuung auf einem Camp, und sowieso einige Wochen Meditationscamp im Tessin, zwei Wochen Italien wie jedes Jahr, eine Woche Schreiben auf Pippi Langstrumpfs Spuren in Schweden, eine Woche Wellness mit meiner Schwester in der Türkei und zu guter Letzt noch eine Woche Ausbildungstörn für den Segelschein. So dachte ich im Januar, würde meine Zukunft des Jahres 2020 aussehen. Drei Wochen Italien und der Segelschein waren möglich, dazu eine ungeplante Woche Ostsee mit meiner ganzen Familie. Ich kann nicht sagen, dass der Sommer nicht erfüllt und erlebnisreich gewesen wäre, er war nur eben ganz anders als geplant.
In diesem Jahr habe ich keine Pläne für die Zukunft gemacht, aber ich habe Ideen und Wünsche. Bis dahin bleibe ich in der Gegenwart.