Geht das überhaupt, kann ich das nachholen? Wenn ich etwas vergessen habe, dann muss ich es nachholen, die Milch beim Einkaufen vielleicht. Aber habe ich vergessen, den Geburtstag meines Bruders, meiner Mutter, meines Schwagers, habe ich die Taufe meines Neffen vergessen, versäumt? NEIN. Also- nachholen nicht möglich.
Es sind doch alles einmalige & besondere Momente. Ein 60. Geburtstag ist nur an dem einen Tag. Taufe – so ein Fest der Freude– ist nur an dem einen Tag, das lässt sich nicht nachholen. Und auch der 18. Geburtstag ist nur an einem Tag– unwiederbringlich.
So oft haben wir gesagt- das holen wir nach, unter Schwestern, unter Freunden, in der Familie, vor allem in der Familie. Ich mag nicht mehr, mag es nicht mehr hören und schon gar nicht mehr sagen– nachholen. Ich möchte dem Wort eine lange Nase drehen, eine Grimasse schneiden, auf das es mich wenigstens verdutzt ansieht, oder ein wenig empört, es braucht ja nicht ganz so empört zu schauen, wie ich es bin.
Und statt dessen? Was ist mit dem JETZT, mit diesen ganzen Familienfesten. Ausfallen lassen ist keine Option. Ein schneller Gruß durch die Hintertür in die Küche, wir kommen zwar zu zweit, doch ich hoffe die Nachbarn sagen nichts !?
Social distancing, diese Coronavokabel, die so gar nicht sozial ist und nach sich zieht, dass ich mich (fast) kriminalisiert fühle, wenn meine Schwester mit ihrem Mann durch die Hintertür in unsere Küche tritt, nur um unserem Sohn zum Geburtstag zu gratulieren und zehn Minuten Anteil zu nehmen an diesem besonderen Tag, um Freude zu teilen und Umarmungen.
Nachfeiern. Wann ist denn nach, wann fängt nach an und wer darf das bestimmen? Und wieviel passt in so ein nach auf einmal rein? Schon wieder Gedankengewusel, das so gar nicht für das Nachfeiern spricht. Schon wieder eine lange Nase. Aber feiern, feiern wäre schön, ganz ungezwungen, mit der ganzen Familie, Groß und Klein, von null bis neunzig.
Und was? Was feiern wir, wenn wir schon alles irgendwie, behelfsmäßig, oder mit den Coronadurchhalteparolen beschrieben– kreativ und das Beste draus machend- gefeiert haben?
Uns! Wir feiern uns und wir feiern das Leben, feiern das Miteinander, feiern das Jetzt. Ich werde es nicht an einen Termin knüpfen, auch wenn alles in mir brüllt – Ostern, Ostern wäre gut, das Fest des Lebens, des Neubeginns schlechthin.
Ja, Ostern wäre gut, ein wirklich guter Grund zu feiern. Und dann denke ich, brüll nicht so laut, ich weiß doch gar nicht, ob wir Ostern feiern können und ich mag nichts planen, was dann wieder nur ein nach nach sich zieht. Es ist doch logisch, vorsichtig zu sein und zurückhaltend in der Planung.
Und dann sehe ich meinen Sohn vor mir, der mir vor wenigen Tagen in der Küche an seinem Geburtstag einen Satz schenkte: Wer braucht schon Logik, Mami, wenn er Hoffnung hat.
Wie schön. Hoffnung! Hoffnung trägt durchs Leben und auch durch diese blöde Zeit. Hoffnung brauche ich nicht nach-zu-holen, die begleitet mich auf Schritt und Tritt und summt mir immer mal wieder die Musik ins Ohr, die ich hören werde, wenn sich die Hoffnung in Freude wandelt, wenn wir feiern dürfen, das Jetzt, das Heute, das Zusammensein, das Miteinander, ungezwungen und frei.
Was für eine Musik- Lachen, laut und unbeschwert. Und das darf dann „nach“ – nachhallen in mir.