Anka, 65 Jahre, 2fache Mama u. Oma, nach 45 Berufsjahren jetzt in Rente

Brief von mir an dich

Liebe Mutter,

wie geht es dir denn so da oben, von dem Ort, an den du dich vor 3 Jahren hin verabschiedet hast. Ich vermisse dich noch immer. Dein Lachen, deinen Humor bis zuletzt. Trotz aller Widrigkeiten in der letzten Lebensphase. Gut, daß ich deinen Humor geerbt habe, doch manchmal schleichen sich auch dunkle Tage ein und meine Geduld geht dabei verloren. Schaust du nicht oft verwundert auf deine alte Heimat, den wunderschönen blauen Planeten Erde und schüttelst nur noch den Kopf, winkst mit der Hand ab. Diese Geste – so typisch für dich. Gemeinsam steht die ganze Welt Kopf . Und doch kocht jeder sein eigenes Süppchen, auch in unserem Land. Wie sagt man so schön? Viele Köche verderben den Brei – wie wahr! Doch es wird ja wohl alles einen höheren Sinn haben .

Du müßtest den doch jetzt kennen, sitzt ja an der Quelle. Kannst du mr nicht einflüstern, daß alles bald gut wird, mir tröstend die Hand auf die Schulter legen, mich umarmen? Du weißt es doch, daß am Ende alles gut wird, hast so viel in deinem 95 jährigen Leben mitgemacht. Du warst 18, als der Krieg anfing. Er raubte dir deine Jugend, deine Mutter und Freunde. Er raubte dir Heimat und Sicherheit. Aus deinen Erzählunen weiß ich, wie einfallsreich ihr trotz allem Grauen wart, um zu überleben. Da ist doch so ein Virus, welches uns Nachkriegskinder betrifft ein Klacks, oder ?

Wenn ich zu wählen hätte zwischen jahrelangem Krieg würde ich natürlich das Virus wählen. Aber trotz allem Einfallsreichtum, den neuen Ideen und Aktivitäten in dieser Zeit – es belastet mich so. Das Alleinsein, die ständige Sorge und Angst. Das erfolglose Bemühen um einen Impftermin. Die ewige Warteschleife oder das Besetztzeichen des Telefons. Ein tröstendes Wort, ein Ratschlag von dir täte mir jetzt gut. Mir hier in meinem so klein geworenen Universum. Von dir, aus deinem unendlichen Universum. Ich vermisse dich sehr oft, hast mich ja immerhin 61 Jahre meines Lebens begleitet. Ein goßes Geschenk.

Doch im Grunde bin ich froh, daß du das alles nicht mehr erleben mußtest. Oftmals stelle ich mir schmunzelnd vor, wie es gewesen wäre, wenn dir jemand eine Impfung verpassen wollte. Du hättest in deinem Darmstädter Dialekt gesagt, daß jetzt alle verückt seien und erst mal die geimpft werden sollten, die jeden Tag für die Allgemeinheit wichtig sind. Daß man vom Klatschen allein nicht immun würde. Ganz genau hättest du die Debatten verfolgt , dir deine Meinung gebildet und diese auch lautstark kund getan. Dein Verstand war auch im hohen Alter noch klar . So bin jetzt ich die, die sich informiert und aufregt, kopfschüttelnd und abwinkend vor Zeitung, TV oder Radio sitzt. Was eine verrückte Zeit. Aber warum reg ich mich auf? Ich weiß es ja von dir – mit Humor geht alles besser und am Ende wird alles gut.

Deine dich liebende Tochter